Ist das Rad wirklich eine so gute
Erfindung?
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| Wenn das Rad eine so tolle Sache ist, wieso hat es die
Natur dann nicht schon lange vor uns erfunden?
Von Christian Rieck
www.spieltheorie.de
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Evolutionstheorie als Optimierungsverfahren
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Die (biologische) Evolutionstheorie wird von Vielen als
eine Art Optimierungsstrategie der Natur angesehen, die im Laufe der
Zeit zu immer besser angepassten Lebewesen führt. In der Tat werden in
der Technik und in der Wirtschaft vielfach Optimierungsverfahren
eingesetzt, die von der Evolutionstheorie abgeschaut sind:
Evolutionsstrategien und genetische Algorithmen.
Dies sind Verfahren, die auf intelligente Weise viele Möglichkeiten
durchprobieren, um ein Optimum zu finden (oder zumindest etwas, was nah
genug daran liegt). Wenn man zum Beispiel viele verschiedengroße
Gegenstände in den Laderaum eines Flugzeugs hineinpacken möchte (was
Fluggesellschaften durchaus öfters tun), dann stellt sich jedesmal die
Frage, wie man die Gepäckstücke am besten verstaut, um den Raum
optimal auszunutzen. Der Unterschied zwischen einer ungünstigen und
einer optimierten Beladung kann riesig sein, und daher ist es für
Fluggesellschaften extrem wichtig, hierfür gute Optimierungsverfahren
zu besitzen. Ähnlich ist es bei der Routenplanung. Nicht nur
Speditionen möchten möglichst schnell (oder möglichst billig) von A
nach B kommen, auch Sie möchten das manchmal und freuen sich, wenn Ihr
Navigationssystem oder ein Routenplaner im Internet einen guten Weg
findet.
Leider überfordern diese vermeintlich einfachen Aufgaben jedes
exakte mathematische Optimierungsverfahren. Löst man dagegen das
Problem mit Verfahren, die sich an die biologische Evolution anlehnen,
dann finden diese in kurzer Zeit sehr gute Lösungen. Oft zwar nicht das
globale Optimum, sie sind aber meist sehr nah daran - nah genug für
fast alle praktischen Aufgaben. Wie das genau funktioniert, werde ich in
der Zukunft einmal an anderer Stelle erklären, hier sei nur verraten,
dass es durch eine Kombination aus Zufallssuche und Belohnung für
Verbesserungen funktioniert.
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Wieso hat die Evolution dann nicht das Rad erfunden?
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Wenn man nun die Evolution tatsächlich als
Optimierungsverfahren versteht, dann kommt man zu einer bedrückenden
Frage: Wieso hat die Evolution nirgendwo das Rad hervorgebracht? Es
scheint nur zwei Antworten darauf zu geben: Entweder die Evolution ist
doch nicht so gut darin zu optimieren. Oder das Rad ist doch nicht eine
so gute Erfindung, wie wir immer denken.
So kniffelig diese Frage auf den Blick erscheint, so leicht lässt
sie sich beantworten, wenn sich von der Fehlinterpretation der Evolution
als Optimierung löst: Während bei den genannten technischen und
wirtschaftlichen Optimierungen die Rahmenbedingungen von dem
Optimierungsvorgang unabhängig und daher konstant sind, findet die
Evolution nicht in einem unveränderlichen Rahmen statt. Denn die
Evolution findet ja bei allen Lebewesen gleichzeitig statt, sodass für
jedes einzelne Lebewesen alle anderen die Rahmenbedingungen darstellen,
innerhalb derer "optimiert" werden soll. Somit wird das
Resultat einer biologischen Evolution sehr gut durch
"Fixpunkte" in diesem System aus Wechselwirkungen beschrieben
- und dies ist genau das Konzept des Nash-Gleichgewichts,
einem der wichtigsten spieltheoretischen Lösungsansätze.
Um zu verstehen, was das hier heißt, muss man sich nur überlegen,
unter welchen Bedingungen das Rad eine gute Erfindung ist. Beschränken
wir uns dafür der Einfachheit halber einmal auf das Rad als Bestandteil
von Transportmitteln. Damit das Rad hier etwas Nützliches ist, muss es
eine Infrastruktur geben, die die Vorzüge zur Geltung kommen lässt.
Ohne Schiene oder Straße bringt das Rad nicht nur nichts, es ist sogar
von Nachteil, wie jeder weiß, der einmal mit einem Auto durch Sand oder
Urwald fahren wollte.
Wie entwickelt sich aber die Infrastruktur? In der biologischen
Evolution hat kein Lebewesen einen Anreiz, für sich selbst oder für
andere eine Straße zu bauen und diese zu warten. Denn der Bau und die
Unterhaltung sind sehr aufwendig, bringen aber zunächst keinen Vorteil
für denjenigen, der den Aufwand betreibt. Diese Kosten bringen erst
dann etwas, wenn viele Individuen die Straße nutzen und dem Erbauer
damit einen Vorteil verschaffen, zum Beispiel indem sie mit ihm Handel
treiben. Wir sehen, dass dies schon sehr stark in Richtung Kultur (im
Gegensatz zur Natur) geht. Das Besondere ist hier aber, dass offenbar
beide Seiten voneinander abhängig sind: Radgebundener Verkehr lohnt
sich, wenn die Infrastruktur dafür bereit steht; diese bereitzustellen
lohnt sich, wenn es viel radgebundenen Verkehr gibt.
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Straßenverkehr als Koordinationsspiel
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Dies ist nun aber exakt die Situation der Schelling-Koordination.
Die Beteiligten können sich entweder auf radgebundenen Verkehr zusammen
mit aufwendiger Infrastruktur koordinieren oder auf beingebundenen
Verkehr ohne erforderliche Infrastruktur. Beides ist ein Gleichgewicht
im spieltheoretischen Sinn, das heißt es lohnt sich für keine der
Parteien im Alleingang von dem Gleichgewichtszustand abzuweichen.
Die Koordination auf radgebundnen Verkehr entsteht aber in einem
verteilten System viel schwieriger. Denn die Infrastrukturanstrengungen
bringen nicht sofort einen Erfolg, sondern erst mit langer
Zeitverzögerung bzw. erst dann, wenn eine bestimmte kritische Masse
erreicht wird. Das ist eine Voraussetzung, die man in sozialen Systemen
oft erreichen kann, in natürlichen Systemen ist das aber ungleich
schwieriger.
Mit anderen Worten: die Evolution führt nicht zu einem
"Optimum", sondern zu einem Gleichgewicht. Und die an der
Evolution beteiligten Lebewesen spielen eben das Gleichgewicht ohne
Räder.
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