Zum Mannesmann-Deal in Kürze
Das Buch zum Mannesmann-Vodafone-Deal
Soeben ist bei mir frisch von Amazon das neue Buch Der
Deal eingetroffen, ein Sachbuch über den Mannesmann-Vodafone-Deal.
Spannender als ein Thriller hat es mich nicht mehr losgelassen. Eine
unglaublich gut recherchierte und mitreißend geschriebene Geschichte des
Übernahmedeals, mit Kurzbiographien der beteiligten Personen und
strategischen Hintergrundanalysen. Einfach nur gut. Dafür musste sogar
meine gleichzeitig gekaufte Science fiction warten, gelesen zu werden.
Zumal das Buch interessanterweise zu dem gleichen Schluss kommt wie
ich: Die moralische Bewertung der Abfindungen
In meinem (rechts stehenden) spieltheoretischen Beitrag über die
Abfindungen an den Mannesmann-Vorstand Esser begründe ich, wieso solche
Abfindungen durchaus ökonomisch gerechtfertigt sein können. Ich lasse
die moralische Bewertung aber offen. Daher wurde ich immer wieder
gefragt, wie ich die Abfindungen in Höhe von zig Millionen denn nun
moralisch bewerte, so ganz subjektiv. Deshalb meine ganz subjektive
Antwort, in der ich einmal aus dem eben erwähnten Buch Der
Deal zitieren will: "Der Mannesmann-Chef hatte für seine
Aktionäre das bestmögliche Ergebnis herausgeholt. Rund 13,3 Milliarden
Euro hatten allein jene deutschen Privataktionäre verdient, die
Mannesmann-Aktien direkt besaßen. ... An die Angestellten von Mannesmann
flossen zwischen einer und drei Milliarden Euro." Je nachdem, wie man
rechnet, sind diese Zahlen sogar eher noch untertrieben; bei meinen
eigenen Recherchen bin ich auf eine noch höhere Wertsteigerung durch
Ackermann, Esser & Freunde gekommen. Und da will ein Gericht
befinden, dass weniger als 1% dieser Summe an die Manager, die diese
gigantische Wertsteigerung herausgehandelt haben, eine Veruntreuung von
Geldern der Aktionäre gewesen sei? Der Aktionäre, die soeben um viele
Milliarden (nicht Millionen: Milliarden) reicher geworden waren? Könnte
es sein, dass sich Deutschland im Würgegriff weltfremder Juristen
befindet? - Nur, da ich nach meiner subjektiven Einschätzung gefragt
wurde. Ach ja: In England wurde der Vodafone-Chef nach dem Deal
von der Königin geadelt. Wenn Sie mich hier nochmal fragen, dann ist er
derjenige, der das Geld seiner Aktionäre milliardenweise verschwendet
hat, weil Esser, Ackermann usw. so viel für ihre Aktionäre herausgeholt
haben. Aber mich fragt diesmal seltsamerweise keiner: Kann man so
etwas eigentlich schreiben?
Zur Zeit des Prozesses gegen Ackermann & Co. haben sich mehrere
Journalisten für meine hier vertretene Position interessiert. Obwohl ich
zu zahlreichen Fragestellungen dieser Art immer wieder als
"Experte" befragt werde, kam hier nach einiger Zeit jeweils eine
Absage. Die Begründung war nach ein wenig Herumdrucksen immer dieselbe:
Bei der öffentlichen Meinung im Land kann man so etwas einfach nicht
schreiben. Und dabei dachte ich doch glatt, wir hätten eine
Pressefreiheit, damit unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen
können. |
Was sagt die Spieltheorie zum Prozess
gegen den Vorstandschef der Deutschen Bank, Ackermann, im Fall Mannesmann. Vieles; besonders wichtig ist aber dieses Argument: Manager würden sich am
liebsten wie Beamte verhalten, die Eigentümer von Unternehmen wollen
jedoch Unternehmer
im Management. Und Ackermanns Verhalten erreicht genau das.
Gleich vorab: Man muss die Herren Ackermann, Zwickel und den Rest nicht
mögen - sie geben einem sogar viele Gründe dafür, es nicht zu tun. Man kann auch der Meinung sein, dass sie viele Fehler gemacht
haben und dass insbesondere die Entscheidung über die Abfindungen bei Mannesmann falsch
war, sei es nun moralisch oder wirtschaftlich falsch. Von all
diesen Dingen handelt dieser Beitrag aber nicht. Sondern er handelt
von der Frage, ob hohe Zahlungen an Manager ökonomisch sinnvoll sein
können -
ganz unabhängig von Strafbarkeit, politischer Ausrichtung oder Sympathie.
Was ist eigentlich das Problem?
Die Zeit-Online
und die Süddeutsche Zeitung bringen die öffentliche Meinung zu den
gezahlten Abfindungen an die ehemaligen Mannesmann-Manager auf den Punkt: "Verlangt wird nur,
dass Vorstände und Aufsichtsräte im Interesse des Unternehmens handeln.
'Eine Prämie aber, für die es keine vertragliche Grundlage gibt und die
zu einem Zeitpunkt gewährt wird, zu dem bereits feststeht, dass der Empfänger
sehr bald aus dem Unternehmen ausscheidet - eine solche Prämie liegt auf
gar keinen Fall im Interesse des Unternehmens, und zwar weitgehend unabhängig
von ihrer Höhe', schreibt die Süddeutsche Zeitung."
Klingt plausibel - ist aber nicht zu Ende gedacht. Den Grund, weshalb
eine solche Zahlung durchaus sinnvoll für das Unternehmen sein kann, schildere ich in diesem
Beitrag. (Und warum sie auch tatsächlich sinnvoll war, lesen in der
Spalte links - aber das nur als Zusatzinformation für die
"moralische Bewertung".)
Aktionäre haben keine Angst vor Risiko
Die heutige Finanzmarkttheorie geht davon aus, dass Menschen im
Allgemeinen risikoscheu sind.
Daher versuchen Menschen auf Kapitalmärkten, die Risiken ihrer
Geldanlagen so weit wie möglich zu beseitigen. Für Kapitalanleger gibt
es eine sehr günstige Möglichkeit, dies zu tun: Anstatt das gesamte Vermögen in eine
einzelne Investition zu stecken, kann man sein Geld auf mehrere Investitionen
aufteilen. Wenn es jetzt der einen schlecht geht, geht es einer
anderen vielleicht besser, und das Risiko des Gesamtengagements ist
kleiner geworden als es in jeder einzelnen Investition möglich gewesen
wäre.
Das geht interessanterweise zu gewissem Grad sogar, ohne dass man
auf potenziellen Gewinn verzichten muss. Daher ist diese Form der
Risikobeseitigung weitgehend gratis und folglich besagt die heutige
Kapitalmarkttheorie, dass Kapitalanleger davon auch Gebrauch machen (man
nennt diesen Vorgang Diversifikation). Dass es gratis ist zu
diversifizieren, ergibt sich aus dem spieltheoretischen Konzept der Dominanz
(in diesem Fall der Risikodominanz) - wie es genau geht, will ich hier
nicht erklären, aber da es mehrere Nobelpreise im Umfeld dieser Theorie
gegeben hat, genügt vielleicht schon der Hinweis, dass dies ein
allgemein akzeptiertes Ergebnis ist.
Die Folge hiervon ist, dass ein Kapitalanleger keinerlei Angst vor dem
speziellen Risiko zu haben braucht, das in einem konkreten Investitionsprojekt steckt: Da er sein Vermögen ja aufgeteilt hat, kommt
es ihm nur auf den durchschnittlichen Erfolg aller seiner Projekte an,
nicht auf den Erfolg jedes einzelnen. Dagegen ist es ihm aber sehr
wichtig, dass in jedem einzelnen Projekt nicht etwa auf möglichen Gewinn
verzichtet wird, um das Risiko des einzelnen Projekts zu
reduzieren. Als erstaunliche Folge ergibt sich, dass auch ein von Natur
aus sehr risikoscheuer Mensch in seiner Rolle als Kapitalanleger die
gleichen Risiken in einem Unternehmen wünscht, wie ein wesentlich weniger
risikoscheuer.
Manager sind wie Beamte: Sie haben Angst
Derselbe Mensch von eben wird ein völlig anderer, wenn er nicht
Kapitalanleger ist, sondern Manager. Denn als Anleger kann er seine
Risiken verteilen, als Manager ist er auf Gedeih und Verderb an
"sein" Unternehmen gebunden. Er kann nicht zu 5% bei der
Telekom, zu 3% bei Microsoft, zu 3% bei Bayer usw. arbeiten, sondern er
arbeitet zu 100% bei Mannesmann oder eben gar nicht. Daher interessiert
ihn das Durchschnittsrisiko des Marktes denkbar wenig, sondern ihn
interessiert ausschließlich das Risiko bei Mannesmann. Wenn er hier
Risiken beseitigen kann, dann tut er es auch, selbst dann, wenn es
potenzielle Gewinne kostet. Manager sind insofern wie Beamte: Die
Vermeidung von Risiko ist bei ihnen ganz oben auf der Prioritätenliste,
riskante Gewinnmöglichkeiten für das Unternehmen kommen erst danach.
Das ist etwas, was die Aktionäre überhaupt nicht mögen. Sie wollen das
volle Potenzial eines Unternehmens oder eines Investitionsprojektes
ausnutzen, egal wie groß das individuelle Risiko dieses Projekts ist. Wird ihnen dieses zu hoch, können sie
es ja jederzeit fast gratis am Kapitalmarkt beseitigen, indem sie
diversifizieren. Folglich wollen sie die Manager dazu bringen, auch so zu
handeln.
Wie bringt man die Manager dazu, wie Unternehmer zu handeln?
Der Reflex eines Juristen in einem solchen Fall ist es, Vorschriften zu
erlassen: Sagen wir den Managern doch einfach, wie sie sich verhalten
sollen. Die Sache hat nur einen Haken. Damit die Vorschrift sinnvoll wird,
müssen wir sie überwachen. Das geht aber nur, wenn sich jemand in dem
Unternehmen so gut auskennt wie die Manager - und das ist
unwahrscheinlich. Spieltheoretisch gesprochen, handelt es sich hier um ein
Spiel mit asymmetrischer Information.
Was wir verlangen ist ja, dass die Manager bewusst
riskante Entscheidungen treffen, die auch schief gehen können. Wenn sich
die Kontrolleure schlechter auskennen als die Manager, dann wissen sie
nie, ob eine Entscheidung schief gegangen ist, weil es eine schlechte
Entscheidung war oder weil der Manager einfach nur Pech hatte. Somit
müssten wir entweder alle unsinnigen Entscheidungen hinnehmen oder wir
müssten schlechte Ausgänge bestrafen - und damit sind wir wieder beim
Problem der
Risikovermeidung, die wir ja gerade beseitigen wollten.
Wenn es also nicht mit Vorschriften geht, dann muss es mit Anreizen
gehen. Ein naheliegender Gedanke ist es hier, das Managergehalt an den
Erfolg des Unternehmens zu koppeln - wie immer man den misst: durch den
Aktienkurs, den (eventuell bereinigten) Gewinn oder Ähnlichem. So schön
das klingt, so wenig löst es aber das Problem. Denn wieder hängt die
Entlohnung nur an dem einen Unternehmen, und somit haben die Manager
wieder ein Interesse daran, die Risiken für dieses Unternehmen zu
beschränken, auch wenn das Gewinnchancen kostet.
Vielleicht ist daher ein anderes Entlohnungsmodell nicht übel: Wenn
der Manager erfolgreiche Entscheidungen trifft, dann hat er ein hohes
Fixgehalt, eventuell ergänzt um einige variable Komponenten. Wenn er keinen Erfolg hat
oder aus anderen Gründen auf die Straße gesetzt wird, dann bekommt er
eine hohe Abfindung. Was wird er tun? Er wird sich auf einmal viel trauen,
weil er finanziell unabhängig ist und weil er weich fällt, wenn die
Dinge schief laufen.
Ein Beamter hat schlotternde Angst davor, einen kleinen Fehler zu
machen, der seine so wichtigen Pensionszahlungen gefährdet, weil er
keinerlei andere Unabhängigkeit besitzt. Ein Manager, der nicht weich
fällt, wird sich verhalten wie ein Beamter. Wenn die
Unternehmenseigentümer das nicht wollen, dann sollten sie ihn anders
bezahlen als einen Beamten.
Ist das immer so?
Nein. Ich habe auch gar nicht behauptet, dass dies das einzig sinnvolle
Entlohnungskonzept für Manager ist. Aber ich habe behauptet, dass es ein
sinnvolles Konzept sein kann, und dass es im ureigensten Interesse der
Eigentümer eines Unternehmens liegen kann, auch sehr hohe Abfindungen an
scheidende Manager zu zahlen. Ob die Eigentümer eine derartige Entlohnung
für ihre Manager wollen, ist ihnen überlassen - und vertreten werden die
Eigentümer nun einmal durch den Aufsichtsrat. Wem diese Entscheidung
aber auf keinen Fall überlassen sein sollte, das sind Gerichte.
Was heißt das konkret im vorliegenden Fall Mannesmann?
Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Mannesmann, Klaus Esser, hat
sich gegen die Übernahme des Unternehmens durch Vodafone gewehrt. War das
eine für Mannesmann sinnvolle Entscheidung? Für einen Außenstehenden
(und dazu gehören sicherlich auch die meisten Aktionäre) ist das
praktisch nicht zu entscheiden. Offensichtlich ist, dass er aus
Karrieregründen ein Eigeninteresse an der Unabhängigkeit Mannesmanns
haben konnte - aber nicht musste, denn er sollte immerhin zunächst der
zweite Mann im gemeinsamen Unternehmen werden. Auf jeden Fall hatte er in
dieser Zeit viele wichtige, schwierige und außerordentlich riskante
Entscheidungen zu treffen. (Wenn Sie sie vom Lehnstuhl aus noch einmal
miterleben wollen, dann lesen Sie Den
Deal - ich hoffe, er wird eines Tages verfilmt.)
Wollten die Aktionäre hier einen Beamten oder einen Unternehmer?
Wollten sie einen Manager, der Angst vor seinen eigenen weitere
Karriereentwicklung haben musste, oder einen, der auch ohne weitere
Führungsposition zufrieden sein konnte? Und welches Signal wollten sie an
zukünftige Manager ihres Unternehmens senden? Dass man sich ängstlich an
seinen Job klammern muss oder dass man auch riskante Entscheidungen
treffen darf, ohne dadurch Nachteile zu haben - selbst dann, wenn sich die
Entscheidung im Rückblick als eine schlechte erweist?
Wir kennen die Antworten nicht. Aber sie können lauten: Wir
wollen keine Beamten. Wir wollen, dass unsere Manager Risiken
eingehen, auch in Zukunft. Und ja, das ist uns x Millionen wert.
(Besonders, wenn wir durch besagten Manager zuvor um y Milliarden reicher
wurden, aber das ist noch eine andere Geschichte.)
Das Gericht tut jetzt so, als könne man diese Antworten gar nicht
geben und als könne man folglich einen "Schaden" für die
Aktionäre mit 24 Millionen Euro exakt beziffern. Dass dieser Betrag eine
Investition in die Risikofreude zukünftiger Manager sein könnte, kommt
den Richtern nicht in den Sinn. Und deshalb maßen sie sich mit an
Rechtsbeugung grenzenden Konstruktionen Antworten an,
die einzig und allein einer Gruppe zustehen: den Eigentümern des
Unternehmens und deren Vertretern. Und ganz gewiss keinem Staatsanwalt und
keinem Gericht.
Und was hat das mit Spieltheorie zu tun?
Die Anreizproblematik zwischen Aktionären und ihren Managern ist ein
Spiel mit unvollständiger Information: Die Aktionäre wissen nicht das
gleiche wie die Manager, das heißt, sie wissen nicht, welches Spiel die
Manager eigentlich spielen (hier sogar fast wörtlich). Es gibt unter dem
Namen Principal-Agent-Theorie
eine umfangreiche Diskussion in der
Spieltheorie, wie man mit solchen Situationen umgeht. Weiterhin ist die
Analyse der Risikoeinstellung von Entscheidern ein wichtiger Bereich
der Spieltheorie.
Wenn Sie mehr über die Grundlagen der Spieltheorie wissen möchten,
dann brauchen Sie mein Spieltheorie-Buch
- dort finden Sie mehr über Risikoeinstellung, Risikonutzenfunktion und Nashgleichgewichte
in Spielen mit asymmetrischer Information.
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