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Fremdsprachen, darüber
sind sich Bildungspolitiker aller Parteien einig, sind die Grundlage einer
soliden Allgemeinbildung und helfen im Berufsleben. Ich bezweifle es.
Eigentlich liegt es auf der Hand: Wer mehr weiß, hat einen Vorteil vor
denen, die weniger wissen. Folglich kann es ja gar nicht schädlich sein,
etwas zu lernen, insbesondere kann also es nicht schädlich sein, eine
weitere Sprache zu lernen. Klingt als abstrakte Argumentation überzeugend,
aber wenden wir es auf ein konkretes Beispiel an, um das Argument zu überprüfen:
Sie arbeiten in einem Unternehmen, das gerade mit
einer Firma aus Frankreich ins Geschäft kommt. Fall 1: Sie können noch
recht leidlich Französisch aus der Schule und durch einen längeren
Auslandsaufenthalt in Frankreich. Fall 2: Sie haben nie Französisch
gelernt und kommen über "merci" nicht hinaus. In welchem Fall
sind Sie in der besseren Position?
Denken wir Fall 1 weiter: Sie machen selbstverständlich
das freundliche Angebot, mit Ihren Geschäftspartnern Französisch zu
sprechen und meistern das auch recht gut. Ihre Geschäftspartner sind
erfreut und nehmend das Angebot gern an. Da hat sich das Lernen doch
gelohnt, nicht wahr? Aber sind Sie sicher, dass Sie alle Kosten dieser
Vorgehensweise einbezogen haben? Denken Sie bitte an folgende Punkte:
- Sie
verhandeln in einer anderen Sprache, die anderen verhandeln in ihrer
Muttersprache. Wen wird das mehr anstrengen? Wer wird sich länger
konzentrieren können?
- Sind
sie sicher, dass Sie alle Details mitbekommen oder könnte es sein,
dass Ihnen der eine oder andere Punkt entgeht, den Sie später
bereuen, dann aber nur noch schwer beseitigen können?
- Wenn
Sie eine Klausel formulieren möchten, können Sie sie dann selbst
einfügen oder brauchen Sie die Hilfe der anderen Verhandlungsseite?
Werden die die Klausel in Ihrem Sinne formulieren?
- Sie
kommen mit einem Vertragsentwurf in französischer Sprache nach Hause.
Können Ihre Kollegen das verstehen und Sie sinnvoll beraten und
Fallen suchen?
Es ist immer strategisch ungünstig, sich mit anderen
auf einem Feld zu messen, auf dem sie besser sind als man selbst. Folglich
ist es einer der größte Fehler, mit jemand anders in dessen
Muttersprache zu verhandeln, wenn es nicht gleichzeitig die eigene ist.
Wie können Sie sich am besten dagegen wehren, dass
Ihnen genau das passiert? Natürlich indem Sie die Sprache gar nicht erst
sprechen. Damit sind wir bei der Analyse des Falls 2:
Fall 2: Kein Wort Französisch zu sprechen ist die
beste Form der Selbstbindung. Denn egal wie viel Sie be- oder gedrängt,
bestochen oder umworben werden: Sie können gar nicht weich werden und den
strategischen Nachteil in Kauf nehmen, sich auf die Muttersprache der
anderen Verhandlungsseite einzulassen. Statt dessen müssen jetzt die
anderen in einer Sprache radebrechen, die vermutlich wir besser können.
Im Idealfall wird das Deutsch sein, ist es aber im Einzelfall meist nicht.
Wieso nicht? Weil Franzosen klug genug sind, gar nicht erst Deutsch zu
lernen. Trotzdem haben wir jetzt einen Vorteil, denn die internationale
Sprache ist Englisch, also eine germanische Sprache, wogegen Französisch
eine romanische ist. Deshalb lernen wir Englisch leichter als ein französischer
Muttersprachler. Und schon müssen die anderen mit uns dort verhandeln, wo
wir besser sind. Diesen wundervollen strategischen Vorteil erlangen wir,
indem wir nicht Französisch lernen. Toll, oder?
Selbstverständlich ist die Analyse hier noch nicht
zu Ende. Denn auch das Nicht-Sprechen muss irgendwelche Kosten haben. Zum
Beispiel diese:
- Sie
haben gar keine gemeinsame Sprache mit den Franzosen. Daher suchen
sich die anderen (und Sie) andere Geschäftspartner. Im Extremfall ist
gar kein Vertrag schlimmer als ein schlechter. Allerdings sollten Sie
das nicht überbewerten, denn das Geschäft ist für die andere Seite
auch lohnend, sonst würden sie es ja nicht abschließen wollen.
Folglich werden die anderen auch Energie darauf verwenden, sich mit
Ihnen verständigen zu können.
- Jemand
anders in Ihrer Firma kann Französisch und übertrumpft Sie intern.
Der kommt dann zwar mit einem schlechteren Vertrag nach Hause als Sie
es getan hätten, setzt sich aber anfangs gegen Sie durch, weil seine
Sprachkenntnisse ein Vorteil zu sein scheinen.
Sollte man denn gar keine Fremdsprache lernen?
Behalten wir die beiden letzten Punkte kurz im
Hinterkopf und fragen uns, ob es generell von Vorteil ist, keine
Fremdsprache zu sprechen. Sie sehen hier, zwei Fälle, in denen es lohnend
wird, eine Fremdsprache zu lernen: 1. Wenn viele auf Ihrer eigenen Seite
die Fremdsprache nicht oder schlechter sprechen als Sie und 2. wenn viele
potentielle Verhandlungspartner die Sprache gut sprechen; idealerweise,
wenn es auch für diejenigen eine Fremdsprache ist. Merken Sie, welche
Sprache es sich also zu lernen lohnt?
Richtig: Früher war das Latein. Mit Latein konnten
Sie sich weltweit verständigen, Sie waren gebildet im Gegensatz zu Ihren
Landsleuten und für fast alle anderen war Latein auch eher eine
Fremdsprache als eine alltägliche Muttersprache. Heute hat diese Rolle
Englisch eingenommen.
Natürlich hat Englisch die Eigenschaft, die
Muttersprache von nicht wenigen Menschen zu sein und scheint damit in
dieser Beziehung den gleichen Nachteil zu haben wie Französisch. Das
stimmt bei Englisch aber nicht ganz. Denn in der Regel verhandeln Sie auf
Englisch gar nicht mit englischen (oder amerikanischen) Muttersprachlern
allein, sondern es gibt in der Verhandlung meist auch andere
Nicht-Muttersprachler aus anderen Ländern. Denen gegenüber haben die
Amerikaner und Engländer ein wesentliches Handicap: Sie werden schlechter
verstanden als die anderen Nicht-Muttersprachler. Außerdem setzt eine Art
Verbündungseffekt der anderen ein. Das ist der Preis, den man zahlen
muss, wenn die eigene Muttersprache zur internationalen Sprache wird.
Das ganze läuft auf eine ganz klare Strategie
hinaus: Konzentrieren Sie Ihre begrenzten eigenen Lernressourcen auf
Englisch und vergessen Sie einfach alle anderen Fremdsprachen – die
schaden in der Regel nur. Dazu gehören übrigens auch Spanisch und
Chinesisch.
Wie war doch noch einmal die Argumentation?
- Es
ist ungünstig, mit einem Muttersprachler in dessen Muttersprache
zu verhandeln.
- Deshalb
zwingt man ihn am besten zu einer anderen Sprache; das geht am besten,
indem man seine Sprache nicht spricht.
- Sofern
diejenigen überhaupt ein Interesse an der Verhandlung haben, werden
sie also eine Sprache lernen, die für sich die internationale
Kommunikation eignet.
- Da
dafür am ehesten eine Sprache mit möglichst großer Verbreitung in
Frage kommt, ist der natürliche Kandidat dafür heutzutage Englisch.
Das ist unabhängig davon, ob der andere Chinesisch, Französisch oder
Holländisch als Muttersprache spricht.
- Um
auf bei dieser Kommunikation im Vorteil zu sein, sollte man die
Energie, die man zum Lernen übrig hat, auf Englisch verwenden, nicht
auf Sprachen mit nationalem Charakter. Damit setzt man sich
gleichzeitig gegen Konkurrenten aus dem eigenen Sprachraum durch und
hat in der internationalen Verhandlung einen Vorteil.
- Englisch
sinnvoll zu beherrschen heißt nicht, es akzentfrei zu sprechen. Im
Gegenteil, gerade der Akzent verschafft Ihnen eine Vorteil in
internationalen Verhandlungen gegenüber den englischen
Muttersprachlern, weil sie von anderen Nicht-Muttersprachlern besser
akzeptiert und verstanden werden.
Erstaunlich oder? Ich weiß, dass meine Internetseite
oft von LehrerInnen gelesen wird, allerdings eher von Mathematik- als von
FranzösischlehrerInnen. Ich bin sicher, Sie können die nächste Konferenz
ein wenig auflockern, wenn Sie diese Argumentation vortragen oder Ihre
Kollegen einmal auf diese Seite schicken und ihnen mein Spieltheorie-Buch
empfehlen (auch wenn das zugegebenermaßen deutlich trockener ist als
meine schönen Analysen hier).
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