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Über einen Konflikt, der keiner ist
Die Spieltheorie wird oft wahrgenommen als
eine Wissenschaft, die ausschließlich Konkurrenzdenken fördert. Das
liegt sicherlich daran, dass das Gefangendilemma
so bekannt geworden ist, ein Spiel das die Zusammenarbeit zwischen den
Spielern verhindert. Aber selbstverständlich kann die Spieltheorie auch
Situationen beschreiben und untersuchen, bei denen die Spieler völlig
gleichgerichtete Interessen haben.
Ein derartiges Spiel ist das Win-Win-Spiel. Bei diesem Spiel können
sich die Spieler auf mehrere verschiedene Verhaltensweisen koordinieren,
von denen beide Spieler dieselbe bevorzugen. Ein Sonderfall des
Win-Win-Spiels ist die Hirschjagd:
Bei diesem Spiel gehen zwei Spieler auf die Jagd und müssen sich
unabhängig voneinander entscheiden, ob sie einen Hirsch jagen oder ob sie
mit einem Hasen vorlieb nehmen. Den Hirsch bekommen sie nur, wenn beide
mitmachen, einen Hasen erlegt auch jeder für sich allein. Beides auf
einmal zu jagen ist nicht möglich. Das zugehörige Spiel sieht
folgendermaßen aus:
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Jägerin 2:
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Hirsch |
Hase |
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Hirsch
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(5, 5)
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(0, 1)
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Jäger 1:
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Hase
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(1, 0)
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(1, 1)
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(Falls Sie diese Matrix-Schreibweise der Spiele nicht gewohnt sind,
lesen Sie bitte hier nach, wie man ein Spiel in Normalform
liest.)
Wie man leicht sieht, ist es sowohl ein Nash-Gleichgewicht,
wenn beide Spieler den Hirsch jagen, als auch wenn beide einen Hasen
jagen. Allerdings gewinnen beide Spieler beim Hirsch eine Auszahlung von
5, beim Hasen dagegen nur eine Auszahlung von 1. Die Zusammenarbeit lohnt
sich also für beide und es gibt eigentlich gar keinen
Interessenkonflikt.
Aber es gibt einen Haken. Johann von Neumann und Oskar Morgenstern
haben in ihrer ersten Veröffentlichung über Spieltheorie die
Maximin-Strategie als Lösungskonzept vorgeschlagen, die immer davon
ausgeht, dass der Gegenspieler das für einen selbst denkbar schlechteste
tut. Maximin versucht daher, das Minimum zu maximieren, das ein Spieler
bekommen kann. In der Hirschjagd ist das Minimum null, wenn man den Hirsch
jagt, dagegen ist das Minimum eins, wenn man den Hasen jagt. Also
empfiehlt die Maximin-Verhaltensweise, lieber den Hasen zu jagen, weil man
dort gegen leere Taschen abgesichert ist.
Ist das sinnvoll? Ganz allgemein ist Maximin nur dann eine wirklich
sinnvolle Empfehlung, wenn die Interessen der Gegenspieler tatsächlich
völlig gegensätzlich sind (das ist in den Nullsummenspielen
der Fall, die in den Anfängen der Spieltheorie die Diskussion beherrscht
haben). Die Hirschjagd ist aber kein Nullsummenspiel, sondern eines, bei
dem man durch die Zusammenarbeit sehr viel gewinnen kann (übrigens ein
Sachverhalt, dem sich das gesamte Buch Coopetition
widmet). Es gibt daher viele gute Gründe, sich darauf zu verlassen, dass
der andere Jäger tatsächlich bei der Hirschjagd mitmacht und nicht den
kleinen Hasen hinterherläuft. Das gilt besonders, wenn vor dem Spiel eine
Kommunikation vorausgegangen sein sollte.
Ein wenig riskant wird es allerdings, wenn man nie kommunizieren konnte
und sich mit einem unbekannten anderen Jäger auf die Hirschjagd
koordinieren muss. Dann kann es schon sein, dass das geringere Risiko der
Hasenjagd auf einmal ein Argument wird - und man darf nicht vergessen,
dass dies eigentlich die strengen Grundannahmen in der nichtkooperativen
Spieltheorie sind. Was dann? Auf einmal kommt man zum Anwendungsfeld
der Gleichgewichtsauwahltheorie, die versucht Kriterien zu entwickeln,
unter welchen Bedingungen welches von verschiedenen überzeugenden
Gleichgewichten gespielt wird. Die wohl bekannteste
Gleichgewichtsauswahltheorie stammt von den beiden Nobelpreisträgern John
Harsanyi und Reinhard Selten. In dieser Theorie stehen in der Tat die
beiden Prinzipien "Auszahlungsdominanz" (also: beide Spieler
bekommen mehr) der "Risikodominanz" (also: wie riskant ist es,
sich auf eine Strategie einzulassen?) gegenüber.
Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, kommen Sie nicht um mein Spieltheorie-Lehrbuch
herum. Wenn Sie dagegen eine sehr originelle filmerische Umsetzung der
Hirschjagd ansehen wollen, dann werfen Sie einmal einen Blick auf die Hirschjagd als
Film bei YouTube der beiden Studentinnen Ulrike Dreyheller und Jessica Müller.
Ein kurzer Hinweis zum Verständnis: In dem Film kommt zwischendrin
eine Auszahlungsmatrix vor, in der die Auszahlungen als zwei Zahlen vom
Typ 2:4 geschrieben werden. Das bedeutet nicht, dass hier eine Art
Torverhältnis besteht, sondern dass Spielerin 1 eine Auszahlung von 2
bekommt und Spielerin 2 eine Auszahlung von 4. Beide mögen höhere
Auszahlungen lieber als kleinere Auszahlungen, egal wieviel die andere
Spielerin hat. Und jetzt viel Spaß beim Ansehen des Films!
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