Aktiendividende aus Sicht der Spieltheorie
In der spieltheoretischen Forschung ist man sich weitgehend einig, dass
Dividenden eine wichtige Signalwirkung erfüllen und damit einen ganz
anderen Charakter haben als man im Alltag denkt.
Lesen Sie in dem Beitrag rechts, was die Idee dahinter ist. |
Angeschlagene Unternehmen bekommen
gleichzeitig Staatshilfen und zahlen Dividenden. Wenn das kein weiteres
Zeichen grenzenloser Gier ist! Oder ist da etwa doch mehr Vernunft im
Spiel als man denkt?
Kann denn Dividende Sünde sein?
Die ganze Diskussion über die Dividenden wird von einem sagenhaften
Denkfehler bestimmt, der seltsamerweise selbst vielen "Experten"
nicht auffällt: Die meisten Menschen denken, ein Aktionär werde durch
die Dividende reicher. Viele Politiker denken es, viele Journalisten
denken es und sogar viele Aktionäre denken es selber. Aber es stimmt
nicht. Eine Dividende macht den Aktionär um keinen Cent reicher.
Man versteht das sofort, wenn man sich die Geschichte des fiktiven Limonadenhändlers Xaver ansieht. Xaver hat eine kleine Firma, die im
wesentlichen aus einer Garagenfüllung Limonadenkästen besteht. Da er
selbst gern Limonade trinkt, hat er auch immer einen Kasten zu Hause
stehen. Natürlich ist Limonade teuer, und daher schleicht er sich
manchmal heimlich in die Garage und entnimmt eine Flasche aus seinem
Lager, die er dann seiner privaten Kiste zuführt. Jedesmal freut er sich
diebisch, wieder um eine Flasche reicher geworden zu sein.
Man sieht hier sofort, wie rührend lächerlich der Vorgang ist: Die
entnommene Flasche verringert ja den Wert seiner Garagenladung um
ebensoviel, wie er durch die private Flasche dazugewinnt. Da ihm die
Garage genauso gehört wie die "eigene" Kiste, ist Xaver durch
die transferierte Flasche genauso reich oder arm geblieben wie er es zuvor
war.
Exakt das gleiche Prinzip gilt bei einer Aktiengesellschaft, wenn sie
Dividenden ausschüttet. Dividenden sind Ausschüttungen aus einer
Aktiengesellschaft an ihre Aktionäre. Diese Aktionäre sind die
Eigentümer der Aktiengesellschaft, und damit gehört ihnen alles, was der
AG gehört. Wenn auf dem Bankkonto der AG zum Beispiel eine Million Euro
liegt, dann gehört diese Million automatisch demjenigen, dem die ganze
Gesellschaft gehört. (Sie können sich zur Vereinfachung vorstellen, es
gäbe nur genau einen Eigentümer und die AG habe keine Schulden, dann
versteht man den Gedankengang leichter - er gilt aber im Prinzip genauso mit Schulden
und bei vielen Eigentümern.)
Zahlt die AG von dem Bankkonto einen bestimmten Betrag aus, ohne dafür
im Gegenzug etwas zu bekommen (nehmen wir als Beispiel eine
Steuernachzahlung nach einer Betriebsprüfung oder eine Strafe), dann ist
die AG nach dieser Zahlung um genau diesen Betrag weniger wert als sie es
davor war. Und damit ist der Aktionär um genau diesen Betrag ärmer als
er es davor war. Nehmen Sie nun die Zahlung einer Dividende: Auch dies ist
eine Zahlung der AG nach außen, für die sie keine Gegenleistung erhält.
Dadurch wird die AG um genau den Wert der Dividende weniger wert.
Gleichzeitig erhält der Aktionär diese Zahlung. Somit wird das Bankkonto
des Aktionärs um die Dividende größer und der Wert seiner Beteiligung
an der AG um die Dividende kleiner. Im Resultat ist er genau gleich reich
wie zuvor.
Weil das so ist, wird auch nach dem Tag der Dividendenzahlung im
Kurszettel neben dem Aktienkurs vermerkt, dass eine Dividende gezahlt
wurde. Dort steht dann "ex Dividende" (meist abgekürzt als
"exD"). Wer das liest weiß, dass ein Kursrückgang nicht auf
schlechte Nachrichten zurückzuführen ist, sondern dass die Gesellschaft
um den Gegenwert der Dividenden weniger wert geworden ist. Zahlt die AG
zum Beispiel eine Dividende von 2 Euro pro Aktie, dann sinkt der Kurs am
Folgetag automatisch um 2 Euro. (Natürlich gibt es - wie an jedem anderen
Tag auch - weitere kursrelevante Ereignisse, die ebenfalls den Kurs
beeinflussen. Fällt die Aktie dann bei einer Dividendenausschüttung von
2 Euro nur um 50 Cent, dann wäre sie an einem normalen Tag ohne Dividende
um 1,50 Euro gestiegen.)
Erstaunlicherweise geht dieses elementare Wissen aber vielen ehemaligen
Banklehrlingen und den meisten BWL-Studenten sehr schnell wieder verloren.
Und so glauben dann Viele, die Dividende sei der Preis, der an die
Eigentümer (also die Aktionäre) dafür gezahlt werde, dass sie der AG
ihr Geld überlassen. Selbst Manager glauben das und halten die Dividende
für die "Kapitalkosten". Dennoch ist es falsch: Die Dividende
macht die Eigentümer nicht reicher, sondern ist schlichtweg völlig
neutral für deren Vermögen.
Falls Sie sich jetzt fragen, wieso man denn in ein Unternehmen
investieren sollte, wenn man nie Dividenden bekommt: Gute Frage, aber
keine schwierige Frage. Denn das Geld, das nicht ausgeschüttet wird,
verbleibt ja im Unternehmen und erhöht somit dessen Wert. Folglich steigt
der Wert des Unternehmens um die einbehaltenen Gewinne, die auf diese
Weise ebenso bei den Eigentümern ankommen wie sie es bei einer
Ausschüttung getan hätten. In der Tat erwarten ja Aktienkäufer auch in
der Regel, dass die Aktie steigt. Die Rendite (also sozusagen der Zins),
die an die Anteilseigner geht, entsteht aus dem Zusammenspiel von
Kurssteigerung und ausgeschütteten Dividenden, wobei die beiden
weitgehend austauschbar sind. Denn einmal angenommen, eine AG schüttet keine Dividende aus, man möchte aber gern das Geld herausziehen:
kein Problem, dann verkauft man eben einfach einen kleinen Anteil seiner
Aktien. Die Wirkung für einen Kleinaktionär ist praktisch identisch wie
wenn eine Dividende gezahlt worden wäre.
Wieso zahlen Unternehmen dann überhaupt Dividenden?
Dafür gibt es im wesentlichen drei Gründe:
1. Steuerliche Aspekte. Manchmal kann man Steuern sparen, wenn
ein Unternehmen Dividenden ausschüttet, anstatt den Betrag einzubehalten.
Für die Diskussion über die Billigkeit von Dividenden spielt dieser
Sachverhalt allerdings sicherlich keine Rolle. Lassen wir Steuern daher
hier einmal beiseite.
2. Anreizwirkungen der Kapitalstruktur. Das ist ein ganz
eigenes Thema, von dem ich weiter hinten einen Aspekt aufgreifen werde:
die Wertvernichtung durch eine finanzielle Notlage. (Die
Kapitalstruktur beschreibt, wieviel Eigen- und wieviel Fremdkapital ein
Unternehmen einsetzt.)
3. Signalwirkung nach außen. Hier wird es spieltheoretisch und
daher kümmern wir uns diesen Sachverhalt hier etwas genauer:
Wie wir eben gesehen haben, sind Dividenden völlig neutral für das
Vermögen der Eigentümer einer Gesellschaft. Das gilt aber strenggenommen
nur dann, wenn alle genau beobachten können, wieviel Vermögen in der
Gesellschaft vorhanden ist. Tatsächlich ist dieses Ideal aber nicht ganz
zu erreichen. Denn es gibt zwar eine Menge Rechnungslegungsvorschriften,
die erreichen sollen, dass das Rechnungswesen die Firma nach außen so
realistisch wie nur möglich darstellt, aber die Marktteilnehmer sind sich
durchaus bewusst, dass die "Insider" mehr über das Unternehmen
wissen als die Außenstehenden. Das geht so weit, dass ein Manager mehr
über das Unternehmen weiß als der Eigentümer. Denn der Eigentümer (die
Aktionäre) kennen ihr eigenes Unternehmen nur aus dem veröffentlichten
Rechnungswesen. Kleine Strömungen, die durchaus wichtig sein können,
sind den Managern dagegen viel eher bekannt - auch schon lange, bevor sie
veröffentlichungsrelevant werden.
Nuancenhafte Änderungen im Reklamationsverhalten oder im
Auftragseingang, die Stimmung in der Kantine, das Bevorstehen eines
Patents oder dessen Scheitern - das alles sind Dinge, die sehr sehr viel
über den wahren Unternehmenswert aussagen, die aber erst mit großer
Zeitverzögerung nach außen dringen.
Dass das so ist, freut die Manager der Unternehmen, bei denen diese
"weichen" Nachrichten schlecht sind. Aber es ärgert die Manager
in den Unternehmen, in denen es gut läuft. Denn selbst wenn sie als
Insider wissen, dass es gut laufen wird, dann hilft ihnen das denkbar
wenig, solange sie es niemandem nach außen glaubhaft klarmachen können. Und
das können sie nicht durch reines Sprechen, denn natürlich werden auch
die anderen Manager nach außen immer erzählen, alles sei rosig, selbst
wie es besser wissen.
Daher suchen die Manager der wirklich guten Unternehmen nach
Möglichkeiten, diese Tatsache zu kommunizieren. Damit die Information
glaubwürdig ist, müssen sie nach Zeichen suchen, die die schlechten
Unternehmen nicht nachahmen können. Wie kann ein solches Zeichen
aussehen? Eigentlich ganz einfach: Es muss so teuer sein, dass es sich die
schlechten Unternehmen nicht leisten können.
Solche Zeichen sind weitverbreitet, und wir sind sehr gut in der Lage,
sie zu lesen. Stellen Sie sich etwa zwei Hotels an einem Touristenort
vor. Beim einen bröckelt der Putz herunter und die Fenster sind fleckig,
das andere ist hervorragend renoviert und gut geputzt. In welchem werden die Zimmer eher
frei von Kakerlaken sein? Und wieso renoviert das schlechte Hotel nicht
einfach die Außenfassade und putzt die Fenster, um damit die Existenz der
Kakerlaken zu verbergen? Ganz einfach, weil es sich das nicht leisten
kann. Das gute Hotel sendet ein Signal, das das andere nicht imitieren
kann. Das ist ein Grund für aufwendige und teure Werbung für Waschmittel
und Rasierklingen, bei denen auch gleichzeitig große Summen in die
Forschung fließen. Es ist ebenfalls ein Grund für Marmoreingänge und
teure Hochhäuser - und für Dividenden.
Denn Dividenden sind ebenfalls in gewisser Weise "teuer" für
ein Unternehmen (mehr dazu gleich) und daher nicht durch Unternehmen zu
leisten, denen es gerade sehr schlecht geht und die schlechte
Zukunftsaussichten haben. Die Dividenden übernehmen damit die wichtige
Funktion, dem Markt zu signalisieren, bei welchen Unternehmen die Insider
sicher sind, dass es bald wieder besser aussehen wird.
Die Message der Dividenden lautet: Wir (die Insider) wissen mehr als
ihr, und was wir wissen ist rosig. Deshalb können wir uns die Dividende
leisten, von der ihr glaubt, sie sei unsinnig. Und die Marktteilnehmer
verstehen diese Nachricht genau, denn sie wissen: Es wäre verrückt eine
Dividende zu zahlen, wenn man nicht wirklich die guten Informationen
hätte. Daher gibt es diese Info nur bei den wirklich guten Unternehmen.
Und die, die keine Dividende zahlen, sind dann die schlechten Unternehmen.
Man nennt diese Art von Situation in der Spieltheorie ein Signalling-Gleichgewicht,
also ein Gleichgewicht, in dem eine die geheime Information eines Spielers
an die anderen Spieler signalisiert wird.
Was spricht gegen Dividenden?
Wir haben eben gesehen, dass ein imitationssicheres Signal
"teuer" für den Sender sein muss. Was sind also die Kosten für
eine Dividendenausschüttung?
Wir haben ebenfalls gesehen, dass eine Dividende zunächst einmal
völlig neutral ist. Diese Analyse geht davon aus, dass das Unternehmen
weit vom möglichen Konkurs entfernt ist. Die Sache ändert sich aber mit
der Nähe zum Konkurspunkt. Denn es lässt sich zeigen, dass allein durch
eine "finanzielle Notlage" (financial distress) durch die
Anreizprobleme der verschiedenen Interessengruppen Unternehmenswert
vernichtet wird. Wie das genau funktioniert, ist eine längere Geschichte,
über die ich vielleicht einmal einen eigenen Beitrag schreibe. Hier nur
so viel: Die Notlage führt dazu, dass sich Eigentümer, Manager und
Gläubiger des Unternehmens gegenseitig so blockieren, dass die Geschäfte
plötzlich schlechter laufen. Allein die Nähe zur finanziellen Notlage
führt also dazu, dass Unternehmenswert vernichtet wird.
Wenn nun die Dividende dazu führt, dass ein Unternehmen dicht an den
Konkurspunkt kommt, dann ist das offenbar eine teure Sache; viel teurer
als bei einem anderen Unternehmen, das noch weit vom Konkurspunkt entfernt
ist. Genau hierdurch funktioniert ja die Signalwirkung der
Dividendenzahlung, denn sie trennt die guten von den schlechten
Unternehmen. Und damit wissen wir auch gleich, für welche Unternehmen
Dividendenzahlungen schlecht sind: für die, denen es wirklich schlecht
geht und die keine Chance haben, sich auf absehbare Zeit zu
verbessern.
Und damit sieht man, wieso Manager so scharf darauf sind, Dividenden
auch in einer Krise auszuschütten: Tun sie es nicht, sieht es so aus, als
sei das Unternehmen schon so dicht am Konkurspunkt, dass sie sich das nicht
mehr leisten können, und als wären die Zukunftsaussichten so schlecht,
dass sich das Signal nicht mehr lohnt. Und zwar sähe es selbst dann so
aus, wenn die Insiderinformationen in Wahrheit positiv sind. Es
gäbe dann keine Möglichkeit mehr, positives Wissen nach Außen zu
signalisieren, und der Markt könnte die guten nicht mehr von den
schlechten Unternehmen unterscheiden.
Bei den Dividendenzahlungen geht also nicht um Gier, sondern um die
Information darüber, wie gut oder wie schlecht es um die einzelnen Firmen
wirklich steht. Es wäre ziemlich ungünstig, wenn es diese Art der
Information nicht mehr gäbe.
Dividenden wegen fehlender Investitionsmöglichkeiten?
Mein Leser Patrick Weishaupt schickt mir folgenden wichtigen
Hinweis:
"Bezüglich der Signalwirkung vertrete ich die Meinung, dass diese nicht eindeutig positiv ist. Dies liegt darin begründet, dass verschiedene Unternehmen auch unterschiedliche alternative Verwendungsmöglichkeiten für das Kapital haben, welches sie sonst den Aktionären in Form von Dividenden ausschütten würden. Hat ein Unternehmen genug Projekte zur Auswahl, die bei akzeptablem Risiko eine hohe Rendite versprechen, so ist es im Interesse der Aktionäre, dass das Geld im Unternehmen verbleibt. Dort kann es dann eine höhere Rendite erzielen, als es den Aktionären im Falle einer Auszahlung möglich gewesen wäre. Da das Unternehmen, wie in Ihrem Artikel hervorgehoben, den Aktionären gehört, profitieren diese direkt von der höheren Rendite. Folglich lässt sich nun aber die Ausschüttung von Dividenden auch als ein Mangel an guten Projekten interpretieren. Ein Unternehmen, welches keine rentablen Verwendungsmöglichkeiten für das vorhandene Kapital hat, sollte und wird eher geneigt sein, eine Dividende zu zahlen als eines mit aussichtsreichen Alternativen. In diesem Fall stellt die Ausschüttung von Dividenden ein negatives Signal dar.
Daher ist es meines Wissen auch in der finanzwirtschaftlichen Analyse üblich, diesen Sachverhalt zu untersuchen, bevor die Signalwirkung einer Dividendenzahlung beurteilt wird."
Das ist in der Tat eine wichtige Ergänzung, die man nicht vergessen
sollte. Um das Eingangspiel des Getränkehändlers Xaver aufzugreifen: In
seiner Garage gibt es ein Eckchen, das stark von der Sonne beschienen
wird. Wenn er die Limonade dort hinstellt, dann schmeckt sie schlechter
und verliert dadurch ihren Wert. Wenn nun die Garage gerade besonders voll
ist, dann müsste er die letzte Kiste in diese Sonnenecke stellen. In
einer solchen Situation wird er tatsächlich reicher dadurch, dass diese
Kiste statt in der Garage in seine Küche stellt und sie zu
"seiner" Kiste macht (bei einer Dividende würde man dazu
"ausschütten" sagen, bei Limonade lieber nicht).
Die Lehre daraus ist: Wenn Geldmittel außerhalb des Unternehmens
besser verwendet werden können als innerhalb des Unternehmens, dann
sollten diese Beträge als Dividende ausgeschüttet werden. Daher kann
eine Dividendenzahlung tatsächlich auch ein Zeichen für ein Unternehmen
sein, das keine guten Investitionsmöglichkeiten hat. Allerdings muss das
nicht automatisch etwas Schlechtes sein. Denn es heißt zunächst einmal
nur, dass das Unternehmen kein Potenzial für Wachstum hat - es kann
dennoch gute Geschäfte machen, dort wo es eben tätig ist. Man findet
diese Situation zum Beispiel öfters bei regional tätigen
Energieversorgern. Selbst wenn sie kerngesund sind und gut verdienen, kann
es sein, dass sie keinerlei Wachstumsmöglichkeiten haben, weil sie
lediglich in einer bestimmten Region tätig sind und das nicht ändern
wollen oder dürfen.
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meiner Kollegen Brandenburger und Nalebuff, in dem die Spieltheorie auf
das Geschäftsleben angewandt wird.
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