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Es gibt Straßen, in denen es richtig gefährlich ist, schnell zu
fahren. Und weil es dort so gefährlich ist, fahren auch nur Wenige zu
schnell. Das ist Spieltheorie: Sich zu überlegen, wie Menschen auf
Anreize reagieren. Aber bisher war es noch gar kein richtiges Spiel, denn
wir hatten nur einen Spieler (den Autofahrer) und die Umwelt (die
häufiger das Ereignis "Unfall" wählt, wenn die Straße
gefährlich ist und man schnell fährt).
Die Spieltheorie geht einen Schritt weiter: Was tun denn andere Spieler
in dieser Straße? Zum Beispiel die Polizei? Sie macht natürlich meist
nichts, denn weil es gefährlich ist, fahren nur wenige schnell, und wenn
nur wenige schnell fahren, dann lohnen sich keine
Geschwindigkeitskontrollen. Die lohnen sich dort, wo man gefahrlos schnell
fahren könnte, es aber nicht darf. Auch das sind Anreize.
Und wie stellt die Stadt die Verkehrsschilder auf? Dazu muss man sich
fragen, wo denn die Verwarnungs- und Bußgelder landen. Richtig: Bei
denen, die die Schilder aufstellen. Könnte es sein, dass man deshalb
durchaus erstaunlich oft unverständliche Verkehrssituationen findet, wie
zum Beispiel Parkautomaten, die umgeben von Parkverbotsschildern sind? Der
Charme besteht darin, dass man gleich zweimal kassieren kann: Einmal die
Parkgebühr und dann gleich nochmal das Verwarnungsgeld, weil der
Autofahrer versehentlich doch an der verbotenen Stelle geparkt hat, ohne
es zu merken, weil sie so unscheinbar wie nur möglich gekennzeichnet war.
Das könnte man ändern, aber derjenige, der es ändern könnte, verdient
viel Geld damit, dass er es nicht tut. Wieso sollte er es ändern?
Das gibt es auch außerhalb des Straßenverkehrs. Ein deutscher
Gewerbetreibender hat zum Beispiel zig Melde- und Abgabevorschriften zu
befolgen, die ihm nicht nur Geld abnehmen, sondern auch viel Arbeitszeit.
Deshalb liest er nicht alle Briefe sehr sorgfältig, weil er die knappe
Zeit für Wichtiges nutzen muss. Das ist ein Anreiz.
Als Folge kommen seltsame Faxe aus dem Gerät gequollen. Zum Beispiel
der Eintrag in ein Branchenverzeichnis, das keinerlei Wert hat, das sich
aber vom Erscheinungsbild her tarnt und entfernt aussieht wie das
offizielle Verzeichnis des Branchenverbands. Korrigiert man die Adresse,
bucht man den Eintrag für zwei Jahre mit halbjährlicher Kündigungsfrist
zum Ende des Zeitraums. Für nur 998 Euro pro Jahr. Das ist ein
Anreiz.
Spezialisieren sich nur private Nepper auf solche Strategien? In der
Tagespost des gestressten Unternehmers findet sich ein Brief der
Künstersozialkasse, den er zu beantworten verpflichtet ist, indem er
meldet, welche Honorare er an Künstler gezahlt hat. Das merkt er aber
nicht, weil er gar keine Honorare gezahlt hat. In den folgenden drei
Jahren bekommt er immer wieder diese gleich aussehenden Briefe und wirft
sie weg. Dann kommt ein gelber Brief mit der Aufschrift "Förmliche
Zustellung", den er sofort beim Empfang unterschreiben muss, den er
also gar nicht übersehen kann. Und was steht drin? Dass er 750 Euro
Bußgeld zahlen muss. An wen? Richtig, an den Absender. Der hätte
natürlich auch schon vorher einmal einen Brief per Einschreiben schicken
können, wie jeder andere im geschäftlichen Verkehr das auch getan
hätte. Aber dann hätte er kein Bußgeld erheben können, sondern hätte
eine rechtzeitig abgegebene Meldung über null Euro bekommen. Das ist ein
Anreiz.
Und was ist die Moral? Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die
Anreize so zu gestalten, dass die beteiligten Personen sich wünschenswert
verhalten. Wenn es um die Gestaltung staatlicher Stellen geht, dann heißt
es public choice, wenn es um Unternehmensführung geht, dann heißt es
corporate governance, und immer geht es um die spieltheoretische Aufgabe
des Mechanismus-Designs.
Und eines steht fest: Es ist ein schlechter Mechanismus, der denjenigen
belohnt, der unklare Faxe oder Briefe verschickt. Deshalb ist dies im
geschäftlichen Verkehr zwischen Privaten auch so weit wie möglich
verboten. Nur staatliche Stellen dürfen ihre eigenen
Bußgelddruckmaschinen bauen. Weil sie falsche Anreize haben, Anreize
zu setzen.
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