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Waren Sie schon einmal im
Krankenhaus? Dann hatten Sie es ziemlich sicher mit einem Arzt oder einer
Ärztin zu tun, die 24 Stunden Bereitschaft hatte. Vielleicht auch über
zwei Tage hinweg, also 48 Stunden ununterbrochen Dienst. Es ist eine
Kuriosität, dass das überhaupt möglich ist, denn eigentlich darf die wöchentliche
Arbeitszeit bei allen Arbeitnehmern 48 Stunden nicht überschreiten (laut
der europäischen Arbeitszeitrichtlinie), und hier kommt ein Arzt schon
innerhalb von zwei Tagen auf diesen Wert. Bei einem – sagen wir mal –
Arbeiter im Gepäckraum einer Fluggesellschaft würde so eine Situation
ziemlich sicher sehr schnell zu einem Streik führen und in geregelten
38,5 Stunden pro Woche enden. Wieso nicht bei Ärzten? Nun: Weil sie es
selbst nicht anders wollen. Bisher zumindest.
Bei einem etwas genaueren Blick auf den Ärzteberuf
fällt ohnehin eine erstaunliche Leidensfähigkeit auf. Um überhaupt
einmal dahin zu kommen, als Arzt arbeiten zu dürfen, muss man sehr lange
studieren, und zwar nicht irgendein erholsames Studium mit nettem
Studentenleben, sondern ein sehr anstrengendes[2] und zudem langweiliges
Studium, in dem man von morgens bis abends auswendig lernt, ohne dass
dieses reine Faktenwissen wirklich sinnvoll auf den nachfolgenden Beruf
vorbereitet.[3] Um hierfür überhaupt zugelassen zu werden, muss man einer
der besten Schüler gewesen sein oder sehr viel Geld für ein Studium im
Ausland ausgeben. Anschließend arbeitet man spielend 70 Stunden in der
Woche mit ziemlich großer Verantwortung für ein Gehalt, das heutzutage
kaum mehr dafür ausreicht, ein auch nur kleines Haus zu kaufen.
Und wenn wir einmal von Assistenzärzten sprechen (was zwingender
Bestandteil der Ausbildung ist), dann war das Gehalt schon immer eher in
der Region eines Praktikums, wenn wir es mit den Gehältern von
BWL-Studenten vergleichen, die ein wesentlich einfacheres Studium hinter
sich haben. Und das in fast unwürdigen hierarchischen Strukturen: Der
Chefarzt ist der große Zampano, der schon die Oberärzte in einer Weise
herumgescheucht, von der man sich wundert, dass sich gebildete Menschen so
etwas gefallen lassen.
Ich würde es mir nicht gefallen lassen, und damit
haben wir den springenden Punkt: Ich würde deshalb auch nie Chefarzt.
Noch nicht einmal Assistenzarzt, weil ich mir schon dabei eine derartige
Behandlung verbitten würde. Ich würde noch nicht einmal das Studium
abschließen, weil ich dieses unsinnige und stupide Auswendiglernen nicht
akzeptieren würde. Aber ganz offenbar gibt es Menschen, die dies alles in
Kauf genommen haben, um Arzt zu werden.
Warum
tun sich die Ärzte das an?
Und warum? Natürlich, weil sie alle das große Ziel
vor Augen sehen, das Sie vermutlich auch vor Augen haben, wenn Sie an Ärzte
denken: Nämlich den reichen niedergelassenen Arzt, der im Monat 30.000
Euro verdient und in einer modern strahlenden Praxis residiert, die er für
ein Vermögen verkaufen kann, wenn er sich zur Ruhe setzt. Und der ein
bewundertes Mitglied der Gesellschaft ist, weil er so wohlhabend ist und
so viel weiß. Wir denken auch an den Chefarzt, der ebenfalls genug
verdient, um sich eine große Villa im Taunus leisten zu können, der
seine Kinder auf eine Privatuniversität in England schickt und einmal jährlich
in seinem Urlaub in ein Dritte-Welt-Land fliegt, um den Allerärmsten
wenigstens ein klein wenig medizinische Versorgung zu geben.
Das ist das große Ziel, für das es sich durchaus
lohnt, Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Auch über lange Zeit. Der Haken:
Die Entbehrungen sind keine Garantie für das große Los. Um noch genauer
zu sein: Wie jeder Lotteriegewinn ist auch dieser sehr selten. In der
Spieltheorie kennt man die entstehende Situation als "Zermürbungskrieg",
manche nennen es Rattenrennen, und Unternehmen kennen eine ähnliche
Situation als Patentrennen.
Das Spiel funktioniert so: Es gibt einen sehr großen
Preis, den derjenige bekommt, der am Ende noch im Spiel ist. Aber es geht
um alles oder nichts; der große Preis kann nicht aufgeteilt werden. Es
gibt keine halben Chefarztstellen. Jeder bleibt so lange im Spiel, bis er
einmal "zuckt" – nach dem ersten Zucken fliegt man heraus. Das
Zucken muss man sich hier so vorstellen, dass der betreffende Kandidat
aufmuckt (also das macht, was ich schon während des Studiums getan hätte),
danach zum Beispiel nur noch "normale" Arbeitszeiten hat, dafür aber
auch nie mehr Chefarzt wird. Oder dass er einfach geht und sich einen
anderen Job sucht, wobei das als Arzt nicht so einfach ist. Das ganze wird
über viele Perioden (Jahre) hinweg gespielt, solange bis der Chef oder
ein niedergelassener Arzt in Pension geht. Dann wird unter den
verbleibenden Bewerbern gelost und wir haben einen neuen Chef oder freien
Arzt (ein schönes Wort in diesem Zusammenhang, nicht wahr?), der dann den
großen Preis gewonnen hat. Allerdings ist der Weg dorthin nicht billig:
Jeder Bewerber muss ständig, solange er im Spiel ist, eine gewisse Gebühr
zahlen, indem er sich vom Chefarzt erniedrigen lässt und schlecht bezahlt
wird; diese Gebühr fürs Mitmachen kann er nur beseitigen, indem er "zuckt", also
ausscheidet.
Der
Zermürbungskrieg
Ich sage Ihnen einige Zeilen weiter unten, wie sich
die Ärzte bisher verhalten haben, aber zuvor verrate ich Ihnen noch eine
andere Lösung, die für die Ärzte eigentlich ideal gewesen wäre, die
aber ziemlich kurios ist und die so wohl kaum zustande kommen dürfte.
Aber als theoretische Schrulle ist sie vielleicht ganz interessant. Diese
Lösung des Spiels besteht darin, dass die meisten Spieler (also Ärzteanwärter)
immer sofort aufgeben und nur eine kleine Zahl immer durchhält. Aufgeben
heißt: Sie treten erst gar nicht ins Rennen ein, studieren also gar nicht
erst Medizin. Damit das funktioniert, müsste es nur eine allgemein akzeptiertes Erkennungszeichen geben, das diejenigen
tragen, die im Spiel bleiben dürfen. Interessanterweise kommt es überhaupt
nicht darauf an, worin dieses Zeichen besteht, es muss nur eindeutig sein
und die richtige Zahl von Bewerbern auserwählen. Zum Beispiel könnten es
einfach all die Anwärter mit den besten Abschlussnoten sein, aber ebenso
gut diejenigen mit der geringsten Körpergröße. Wichtig ist nur, dass
die Rolle von außen vorgegeben ist und nicht im Spiel erworben wird.
Aber es ist unwahrscheinlich, dass es exakt so kommt,
denn es ist nicht ganz einfach, das Koordinationskriterium zu finden. Viel
wahrscheinlicher ist es, dass die großen Bewerber es einfach nicht
akzeptieren werden, dass die kleinsten immer im Rennen bleiben dürfen –
zumal dies ja nicht nur ein unsinniges Kriterium ist, sondern auch noch
eines, das die Bewerber selber anwenden und
nicht etwa der Arbeitgeber. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass sich
eine symmetrische Lösung herausbildet, in der alle das gleiche Recht für
sich in Anspruch nehmen, bis zum Ende durchzukommen. Bei dieser Lösung
bleiben alle trotzig im Spiel und scheiden nach und nach zufällig aus
(technisch gesprochen ist das eine gemischte
Strategie). Die Wahrscheinlichkeit, die diesem "zufälligen
Ausscheiden" unterliegt, muss
gerade so gewählt sein, dass es für jeden Einzelnen im Erwartungswert
egal ist, ob er im Spiel bleibt oder ob er ausscheidet.
Im
Resultat werden dann exakt so viele Anwärter in der Warteschlange stehen,
dass für jeden einzelnen die erwarteten Kosten des Wartens gleich hoch
sind wie der erwartete Gewinn, wenn er durchkommt. Interessanterweise hat
also jeder einen Erwartungswert von null.
Dieser niedrige Erwartungswert kommt zustande, weil alle so lange warten müssen
und die Kosten des Wartens so hoch sind, oder anders formuliert: weil man
in der Warteschlange ausgebeutet wird. (Machen Sie sich keine Sorgen um
den Wert von null: hierin ist ein der Ausbildung entsprechendes Gehalt
schon enthalten. Dieser Zahlenwert heißt nur, dass man als Arzt eben
nicht mehr verdient als wenn man einen anderen Beruf gleicher
Qualifikation ergriffen hätte, auch wenn es anders aussieht, wenn man
seinen Blick nur auf diejenigen Ärzte richtet, die ganz oben in der
Nahrungskette stehen.)
Diese Wahrscheinlichkeit, mit der sie das tun, ist
nicht ganz einfach auszurechnen; genauer gesagt, es ist ziemlich schwierig,
besonders wenn man etwas ganz anderes studiert hat, wie zum Beispiel
Medizin und nicht Wirtschaftstheorie (obwohl es ja glücklicherweise ein
gutes Spieltheorie-Buch
zu diesem Thema gibt). Aber wenn derartige Systeme längere Zeit bestehen, dann lernen
die Beteiligten normalerweise die theoretische Lösung durch Erfahrung,
vorausgesetzt natürlich, die Rahmenbedingungen bleiben längere Zeit
konstant. Im Resultat werden zu viele Bewerber in die Warteschlange
eintreten und dann zwischendurch häufiger ausscheiden als bei der Lösung
oben. Beim Erwartungswert von null bleibt es zwar, aber es gibt eine recht
stabile Warteschlange von Chefarzt- und Niederlassungsarzt-Anwärtern, die
so groß ist, dass viele der Anwärter es nicht bis zum Chef schaffen.
Nun hat sich aber die Welt aber geändert, und es kam
die Gesundheitsreform, mit der Folge, dass es viel weniger lukrativ ist,
ein niedergelassener Arzt zu werden. Folge: Die Parameter ändern sich,
und die Warteschlange sollte viel kleiner werden. Das wurde sie aber
bisher noch nicht, weil deren Größe ja aufgrund der Erfahrung mit den
alten Rahmenbedingungen zustande gekommen ist. Mitten im Geschehen merken
nun immer mehr Anwärter, dass der große Preis nicht mehr so lukrativ ist
wie zuvor. Wenn das aber so ist, dann ist das vorzeitige Ausscheiden aus
dem Rennen auf den großen Preis (der nicht mehr so groß ist) auch nicht
mehr so schlimm – und die Ärzte mucken auf. Genau das sehen wir in Form
des Streiks.
Die Politiker, die die Einkommen der niedergelassenen
Ärzte in der Vergangenheit beschnitten haben, dachten, sie könnten damit
einfach Geld sparen. Aber sie haben die Folgen an anderen Stellen im
System übersehen. Denn mit ihren Maßnahmen haben sie den Hauptgewinn im
Rattenrennen der Krankenhausärzte weggenommen – und damit deren
Bereitschaft, sich ausbeuten zu lassen. Es gibt eben nichts gratis.
PS: Falls Sie Arzt sind oder gerade werden wollen: Kopf
hoch! Vielleicht sieht es auf lange Sicht wieder viel besser aus als
es jetzt scheint. Über solche zyklischen Entwicklungen werde ich
demnächst auch noch ein wenig schreiben.
PPS: Falls Sie gar kein Mediziner sind - freuen Sie
sich nicht zu früh. Ein Leser schrieb: "Außerdem trifft Ihre Betrachtung auch auf viele andere Bereiche außerhalb der Medizin zu, so z.B. auf die Verteilung von Professorenstellen (auch an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten) oder die Partnerstellen in großen Unternehmensberatungen (in denen neben BWLern auch Mediziner arbeiten), die mit denjenigen Bewerbern besetzt werden, die zuvor am härtesten gearbeitet und nicht "gezuckt" haben."
Das sehe ich genauso.
[3] Eine von vielen Zuschriften zu diesem Beitrag
lautete: "Ich bin offen für jegliche Betrachtungsweisen der sicherlich prekären Thematik, jedoch hätte ich von einem Professor etwas weniger einseitige Subjektivität erwartet. Ich frage mich insbesondere, wieso Sie behaupten, ein Mediziner habe ein "langweiliges Studium" zu bestreiten, in dem man nur "von morgens bis abends" auswendig lernt."
Ganz einfach: das habe ich von Medizinstudenten, die inzwischen Ärzte
sind. Unter Medizinern gibt es folgenden Witz, den man anscheinend schon
im ersten Semester lernt: Ein Professor, der eine Vorlesung für viele
verschiedene Studiengänge hielt, wollte herausfinden, wieviele Mediziner
anwesend waren. Anstatt einfach zu fragen, gab er die Aufgabe, die ersten
hundert Seiten des Telefonbuchs auswendig zu lernen. Die meisten Studenten
gingen auf die Barrikaden, protestierten und argumentierten. Nur eine
Gruppe fragte: "Bis wann müssen wir denn fertig sein?" Da hatte
er die Mediziner gefunden. Und jeder Mediziner, der mir diesen Witz
erzählte, fügte hinzu: "Genau so ist's".
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