Auktionen
Auktionen sind eine der klassischen Anwendungen der Spieltheorie: Das
Ergebnis hängt nicht von einem Spieler allein, sondern von dem
Zusammenspiel vieler Bieter ab.
Diese müssen unabhängig voneinander bieten und daher sinnvolle Bietstrategien verwenden.
Bietstrategie
Das ist die Entscheidung darüber, wieviel man wann bietet.
Welche Strategie bei Ebay sinnvoll ist, lesen Sie in der Spalte
rechts. |
Wie sollte man eigentlich bei Ebay bieten, um
nicht zu viel zu bezahlen? Ich verrate es Ihnen hier.
Wie wir gleich sehen werden, hängt die optimale Bietstrategie stark
von den genauen Bedingungen ab, unter denen wir bieten. Um die
Unterschiede zu verstehen, beginnen wir einmal mit dem Beispiel eines
Unikats als Versteigerungsgegenstand. Stellen Sie sich dafür vor, ich
räume meinen Keller auf und stoße dort auf das einzige
Original-Manuskript der ersten Auflage meines Spieltheorie-Buches
aus dem Jahr 1992, das ich umgehend in Ebay zum Verkauf stelle. Wieviel
bieten Sie?
Die Bietstrategie für Unikate
Dafür gibt es zunächst einmal eine wichtige Größe: Wieviel ist
Ihnen dieses Unikat wert? Bei der Beantwortung dieser Frage kann Ihnen
niemand helfen, denn es ist eine rein subjektive
Größe, ebenso wie die Frage, ob Sie Ihr Steak lieber well-done oder
medium-rare essen. Also hören Sie ein wenig sich hinein (betreiben
also "Introspektion") und kommen zum Schluss, dass Ihnen dieses
Unikat genau 1000 Euro wert ist (bitte melden Sie sich bei mir, wenn das
tatsächlich zutreffen sollte, dann räume ich meinen Keller auf). Sollten
Sie diesen Wert auch bieten?
Um das zu klären, muss man den Ebay-Mechanismus
verstehen. Denn Ebay ist aufgrund der spieltheoretischen Auktionstheorie
konstruiert. Durch den Bietagenten bezahlen Sie nämlich nicht automatisch
den Preis, den Sie geboten haben, sondern nur den Preis des zweithöchsten
Bieters (plus eines kleinen Inkrements, das wir hier einmal
vernachlässigen). Dieses Auktionsverfahren ist eine modifizierte Vickrey-Auktion
(benannt nach William Vickrey, dem 1996 der Nobelpreis für
Wirtschaftswissenschaften verliehen werden sollte, der aber
tragischerweise zwischen Bekanntgabe und Verleihung verstorben ist). Die
Vickrey-Auktion funktioniert so, dass der Höchstbietende das zu
versteigernde Gut erhält, aber nur den Preis des zweithöchsten Bieters
bezahlt. Falls höchstes und zweithöchstes Gebot gleich sind, ist der
Preis gleich diesem Gebot und es wird zwischen den Bietern mit diesem
Gebot gelost. Technisch gesprochen ist das eine second-price sealed-bid
auction, also eine verdeckte Zweitpreisauktion. Verdeckt (sealed-bid)
heißt hier, dass man bei Abgabe des Gebots die anderen Gebote nicht
kennt.
Die Besonderheit dieses Auktionsverfahrens besteht darin, dass es nun
eine dominante
Strategie ist, genau das zu bieten, was einem das Gut wert ist. Das
unterscheidet die Vickrey-Auktion von der normalen Höchstpreisauktion,
bei der man immer das bezahlt, was man bietet: Bei der Höchstpreisauktion
lohnt es sich nicht, die eigene Wertschätzung zu bieten, weil man dann
immer so viel bezahlen würde, wie einem das Gut wert ist, also in der
Summe nichts durch den Kauf gewinnt. Man muss daher bei der
Höchstpreisauktion absichtlich ("strategisch") unterbieten. Das
braucht man bei der Vickrey-Auktion nicht, die man deshalb als anreizkompatibel
bezeichnet.
Das alles wissend bieten Sie also 1000 Euro für mein Manuskript. Zwei
Stunden vor Auktionsende sehen Sie auf den Preis, der bei 598 Euro steht.
Sie haben also einen erheblichen Puffer und stellen schon einmal eine
Flasche Sekt kalt, um zu feiern, dass Sie gleich stolzer Besitzer eines so
tollen Manuskripts sein werden. Doch nach Auktionsende durchzuckt es Sie,
als Sie den Preis sehen: 1002,37 Euro! "Leider wurden Sie in letzter
Minute durch einen anderen Bieter überboten" steht darunter. Meine
Güte - wie konnte Ihnen das passieren?
Hüten Sie sich vor prominenten Zahlen!
Was Sie gerade gelernt haben ist die Zahlenprominenz. Das Gut
war Ihnen gar nicht genau 1000 Euro wert, sondern das war nur die
"prominenteste" Zahl in der Gegend Ihrer Wertschätzung. Dass
Sie gerade 1000 geboten haben, liegt ausschließlich an unserem
Dezimalsystem, denn dort ist das eine einfache, eben prominente Zahl.
Das ist zwar strenggenommen keine spieltheoretische Erkenntnis, sondern
eine psychologische, aber eine, die Sie bei der Abgabe von Geboten
beachten sollten. Um auf ein sinnvolleres Gebot zu kommen, addieren Sie
daher eine Zufallszahl zu Ihrer groben Wertschätzung dazu. Wie groß
diese Zufallszahl sein sollte, hängt von der Genauigkeit ab, mit der Sie
Ihre Wertschätzung ermitteln können. Je genauer, desto kleiner die
Zufallszahl. Wenn Sie also sehr sicher sind, dass 1000 Euro Ihre
Wertschätzung ist, dann generieren Sie sich eine Zahl im
1-Prozent-Bereich, sodass Sie maximal 1010 Euro bieten. Wenn Sie auch um
10% daneben liegen können, dann basteln Sie sich lieber eine Zahl im
Bereich bis 100 Euro, aber eine, die meistens schön krumm wird.
Zum Glück wissen Sie das ja jetzt und bieten 1067,73 Euro. Der Sekt
steht kalt, die Auktion endet bald und wieder trifft Sie der Schlag: Da
bietet doch einer tatsächlich mehr! Also erhöhen Sie Ihr Gebot. Der
andere auch. Sie erhöhen wieder, er auch, Sie, er, Sie, er und so weiter.
Am Ende haben Sie das Manuskript, aber der Sekt will nicht so recht
schmecken, denn Sie haben jetzt 3010 Euro bezahlt. Was ist passiert? Sie
haben gerade gelernt, dass Ebay doch keine ganz echte Vickrey-Auktion ist,
sondern eine modifizierte Vickrey-Auktion. Die Modifikation besteht
darin, dass es statt einer verdeckten (sealed bid) eine offene (open bid)
Auktion ist, bei der Sie alle Gebote der anderen Bieter sehen, bis auf das
jeweils höchste. Bei dem Beweis dafür, dass die Vickrey-Auktion
anreizkompatibel ist, ist aber eine Voraussetzung, dass Sie durch Ihr
Gebot nicht die Gebote der Anderen ändern können. Wie Sie gerade gesehen
haben, trifft dies bei Ebay nicht zu. (Die Frage, ob es rational ist, dass
Bieter ihr Gebot aufgrund der Gebote Anderer ändern, klammern wir hier
einmal aus. Statt dessen betrachten wir es als es eine empirisch
gesicherte Erkenntnis, dass das sehr oft passiert.)
Was tun Sie? Als Abwehr gegen diese Bietschlachten gibt es das Mittel
des "Sniping". Sniper sind Heckenschützen, die in den
letzten zehn Sekunden ein Gebot abschießen, dann wenn kein anderer mehr
reagieren kann. Brauchte man dazu in der Anfangszeit von Ebay noch eine
genaue Uhr und gute Nerven, machen das heutzutage die meisten Sniper per
Software. Genau das ist der Grund, weshalb die wichtigsten Gebote meist in
den letzten Sekunden eingehen: Die Ebay-Teilnehmer machen aus der
modifizierten Vickrey-Aktion eine normale Vickrey-Aktion.
Also werden Sie auch zum Sniper. Sie schießen Ihr Gebot von 1067,73
Euro fünf Sekunden vor Ende ab und sehen dann nach, ob Sie der
Höchstbietende waren. Wenn nicht: Schade, aber dann hatte eben jemand
anders eine höhere Wertschätzung, und da kann man nichts machen. Es sei
denn, Sie ärgern sich jetzt doch, weil Sie eigentlich auch 3067,73 Euro
hätten zahlen wollen, diesen Betrag aber aus irgendwelchen Gründen nicht
geboten haben und es jetzt bereuen, wenn es zu spät ist. (Wie gesagt,
melden Sie sich bei mir, ich schreibe Ihnen jetzt auch noch mit blauer
Tinte eine Widmung in das Manuskript.)
Bietstrategie und Marktkenntnis
Bleibt die Frage, welche Gründe es geben könnte, sein Gebot niedriger
zu limitieren als die eigene Wertschätzung ist. Interessanterweise kann
das durchaus rational sein, wenn wir eine etwas andere Situation
unterstellen als eben. Die Besonderheit des Versteigerungsgegenstands eben
war, dass es ein reines Unikat war, das auch keine Substitute hat. Das ist
aber nicht der Regelfall, denn meist gibt es mehrere Möglichkeiten, ein
Gut zu erhalten. Betrachten wir einmal den Fall, in dem es zwei genau
gleiche Manuskripte gibt, die ich im Abstand von zehn Minuten versteigere.
Dieser Fall wird leider recht kompliziert, wenn wir die Möglichkeit
zulassen, dass sich die Gebote gegenseitig beeinflussen. Daher nehmen wir
vereinfachend an, die Gebote seien völlig unabhängig voneinander und es
sei zufällig und gleichwahrscheinlich, welche der beiden Auktionen
letztlich den höheren Preis habe. Nun haben Sie mit Ihrer Wertschätzung
von 3067,73 einen Wert, der ziemlich sicher über allen anderen liegt. Was
können Sie tun, um eines der beiden Manuskripte möglichst billig zu
bekommen? Betrachten Sie dafür folgende Bietstrategien:
Bietstrategie 1: Sie bieten von Anfang an Ihre eigene
Wertschätzung, wählen also kein bindendes Limit.
Bietstrategie 2: Sie limitieren zunächst niedriger; falls Sie das
Gut in der ersten Auktion nicht gewinnen, erhöhen auf Sie auf Ihre wahre
Wertschätzung, mit der sie das Gut sicher erwerben.
Um diese Bietstrategien beurteilen zu können, nennen wir die beiden
Auktionen A und B und stellen eine Tabelle auf, was bei verschiedenen
Gebotshöhen passiert:
| |
Auktion A ist billiger |
Auktion B ist billiger |
| Limit unter A |
teuer |
billig |
| Limit zwischen A und B |
billig |
billig |
Limit über B
(= kein bindendes Limit) |
billig |
teuer |
(Bitte beachten Sie, dass "Limit über B" faktisch heißt,
dass Sie die Gebotsstrategie 1 wählen, also von Anfang an Ihre wahre
Wertschätzung bieten.) Die Werte in der Tabelle kommen folgendermaßen
zustande: Wenn Sie zum Beispiel Ihr Limit unter den Wert gelegt haben, der
bei Auktion A erreicht wird (deren Endpreis Sie ja noch nicht kennen, wenn
Sie das Limit festlegen), dann entgeht Ihnen die Auktion A und Sie müssen
bei Auktion B kaufen. Das ist schlecht, wenn rückblickend Auktion A die
billigere ist (was Sie vorher leider nicht wissen). Daher steht in der
Tabelle links oben "teuer", weil sie dann das Gut bei der
teureren Auktion kaufen. Dagegen ist Ihr niedriges Limit gut, wenn Auktion
B die billigere wird, weil Sie damit vermieden haben, bei der teurern
Auktion A zu kaufen. Daher ist in der Tabelle in der ersten Zeile rechts
"billig" eingetragen, was heißt, dass Sie bei der billigeren
Auktion kaufen.
Sehen Sie sich nun die Zeilen an. Als gewiefter Spieltheoretiker sehen
Sie sofort, dass Sie im Fall von "keinem Limit" in einem Fall
billig, in dem anderen teuer kaufen. Limitieren Sie dagegen in einer
Höhe, in der das Limit auch greift (also die beiden ersten Zeilen), dann
verbessern Sie sich entweder und kaufen auf jeden Fall billig, oder sie
kaufen wiederum in einem Fall billig und in einem Fall teuer. Allerdings
gilt als Kleingedrucktes, dass es gleich wahrscheinlich sein muss, ob
Auktion A oder Auktion B die billigere wird. Unter dieser Bedingung ist es
eine dominierende
Strategie, ein Limit unterhalb der eigenen Wertschätzung zu wählen.
Mit anderen Worten: Durch ein Limit verschlechtern Sie sich in keinem Fall
(im Erwartungswert), aber Sie können sich verbessern. Daher ist es hier
tatsächlich rational, trotz der Vickrey-Auktion unterhalb der eigenen
Wertschätzung ein limitiertes Gebot abzugeben.
Wie kann das sein, wo doch der Nobelpreisträger William Vickrey
bewiesen hat, dass es in der Zweitpreisauktion rational ist, genau seine
Wertschätzung auch zu bieten? Ganz einfach: Der Beweis gilt nur für eine
Einmal-Auktion, hier gibt es aber zwei aufeinanderfolgende Auktionen und
da gilt der Beweis nicht mehr.
Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, wann die
Limit-Bietstrategie erfolgreich ist: Nämlich dann, wenn das Limit
zwischen den beiden Auktionspreisen liegt. Ob diese Bietstrategie
tatsächlich zum Kauf bei der billigeren Auktion führt, hängt also davon
ab, wie gut man es schafft, zwischen die beiden Auktionspreise zu treffen.
Denn nur dadurch gelingt es, die teuere von der billigen Auktion zu
trennen. Mit anderen Worten, die Strategie ist umso erfolgreicher, je
besser man einschätzen kann, ob ein Preis teuer oder billig ist, immer im
Vergleich zu anderen Preise für das gleiche Gut. Woher weiß man, was
teuer und was billig ist? Ganz einfach: Indem man andere Auktionen
beobachtet.
Bisher ging das nicht, weil es nur zwei gleiche Auktionen gab. Handelt
es sich aber um ein Gut, das häufig angeboten wird, dann lohnt es sich,
zunächst einige Auktionen zu beobachten und dann aufgrund der dort
erzielten Preise ein Limit zu wählen, das die teuren von den billigen
Auktionen trennt. Auf diese Weise kann man erreichen, dass man nur bei
einer Auktion mit einem niedrigen Preis zum Zug kommt. Ob einem diese
Ersparnis die Arbeitszeit und die Wartezeit (also die Transaktionskosten)
wert ist, ist natürlich noch eine weitere Frage, die jeder für sich
beantworten muss.
Vernachlässigen wir aber einmal die Transaktionskosten, dann sehen
wir, dass nun bei häufig angebotenen Gütern auf einmal nicht mehr die
Höhe der eigenen Wertschätzung für das Gebot in der Auktion
verantwortlich ist, sondern der "übliche" Preis - also der
Marktpreis. Auf einmal ist für das eigene Gebot gar nicht mehr wichtig,
wie gern wir das Gut eigentlich haben wollen, sondern nur noch die eigene
Marktkenntnis. Verblüffend, oder?
Ach ja: Wenn Ihnen solche Analysen gefallen und Sie weitere
Erkenntnisse der Spieltheorie lesen möchten, dann kaufen Sie sich das
Buch Coopetition.
Dort wird die Spieltheorie auf sehr interessante Weise auf das
Geschäftsleben angewendet.
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