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Haben
Sie schon einmal bei Aldi oder Lidl gekauft, weil es dort billiger ist als
im Tante-Emma-Laden? Dann kennen Sie das Argument für die niedrigen
Preise: "Bei den Mengen, die die abnehmen, wird's eben
billiger." Sie
kennen dasselbe Argument auch von Elektronik-Geräten: Im Laufe der Zeit
werden sie billiger, "weil die Stückzahlen steigen".
(Interessanterweise bin ich sicher, dass hier mindestens ein weiterer Effekt dahinter steht, aber lassen wir das mal beiseite.) Behalten
Sie diese Argumente bitte einmal kurz im Hinterkopf und folgen Sie mir in
die Analyse von Monopolen aus dem ersten Semester Betriebswirtschaft. Dort
wird ein großes Kreuz in ein Koordinatensystem gemalt und ein Teil davon
als "Wohlfahrtsgewinn" durch den Markt markiert. Dieser schöne
Wohlfahrtsgewinn, so lernt man, gilt bei "vollständiger
Konkurrenz", also bei vielen kleinen Anbietern und Nachfragern. In
der nächsten Vorlesung kommt das böse Monopol. Nach einigen
Rechnungen (die die Studenten üblicherweise hassen) wird aus dem
Wohlfahrtsgewinn ein Dreieck herausgestrichen und voilà: Wir haben
bewiesen, dass ein Monopol die gesamte Wohlfahrt auf dem Markt
verringert. Wegen
dieser Vorlesung erreichen mich nun zahllose Mails, die mich schelten,
weil ich behaupte, an Monopolen könne auch etwas Gutes sein. Und immer
wieder kommt die Frage, wie ich denn, bitte
schön, Betriebswirtschaft studiert haben könne, wenn ich noch nicht
einmal diesen elementaren Sachverhalt aus dem ersten Semester kenne. Nun,
ich kenne ihn. Aber die meisten Studenten waren offenbar so sehr darin
verstrickt, den Formeln und komplexen Grafiken zu folgen, dass sie
vergessen haben, worauf die Analyse eigentlich aufbaut. Beim Heraussäbeln
des Dreiecks aus dem Wohlfahrtsgewinn gibt es nämlich die Behauptung
(genannt "Annahme"), dass das Monopol und die vielen kleinen
Anbieter das Gut zu denselben Kosten herstellen können. (Lassen wir hier
die Probleme der fixen und variablen Kosten, Grenz-, Durchschnitts- und
Gesamtkosten usw. einmal beiseite, damit wir uns nicht auch noch in Formeln
verfangen). Was nun
aber, wenn man beim Überschreiten einer bestimmten Betriebsgröße eine
andere Technologie verwenden kann? Was, wenn die vielen Kleinen alles
mühsam mit der Hand machen müssen, ein Großer aber auf eine
vollautomatische, industrielle Fertigung umsteigen kann? Könnte es nicht
sein, dass sich dann die Herstellungskosten dramatisch ändern? Wir alle
wissen: Natürlich kann das so sein, und natürlich ist es in vielen
Bereichen auch so. Bei Aldi und bei Elektronikgeräten akzeptieren wir
diesen Sachverhalt ja auch völlig selbstverständlich im Alltag. Bleiben
wir aber im ersten Semester BWL und fragen nach den Konsequenzen für
unseren Wohlfahrtsgewinn: Der Monopolist kann jetzt aufgrund einer anderen
Technologie jede angebotene Menge sehr viel billiger produzieren als die
vielen kleinen Anbieter. Er verhalte sich aber weiterhin so, wie im ersten
Semester üblich, nämlich als Gewinnmaximierer. Dann macht er einen
tollen Gewinn - und die Konsumenten sind trotzdem glücklich, dass es ihn
gibt. Denn trotz seines Gewinns bekommen sie nun das Produkt billiger als
vorher, als die vielen Kleinen die alte Technologie verwendet haben. Und
das ganz ohne Konkurrenz. Ich
weiß, es regt sich in Ihnen Widerspruch. "Es kann doch nicht
sein," werden Sie sagen "dass seit Jahren in BWL eine
offensichtlich falsche Theorie gelehrt wird". Natürlich nicht; denn
das meiste von dem, was ich hier sage, ist überhaupt nicht unbekannt,
sondern kommt erst im fünften Semester. Die Theorie des ersten
Semesters ist auch nicht falsch, sondern sie baut auf ganz bestimmten Voraussetzungen
auf. Und
diese Voraussetzungen treffen eben nicht auf jeden Markt zu. Zum Beispiel
nicht auf den Software-Markt, nicht auf den Medien-Markt und nicht auf die
industrielle Produktion technisch anspruchsvoller Produkte. Es ist
eine Analyse klassischer Märkte wie Landwirtschaft, Handwerk, einfache
Industrieproduktion, Rohstoffe und Dienstleistungen. Also:
Man sollte nicht nur die Analyse des ersten Semesters einbeziehen, sondern
auch die des fünften hinzunehmen. Natürlich
bleiben dann immer noch genug interessante Fragen offen. Zum Beispiel was
passiert, wenn der Monopolist zwar billiger produzieren kann, aber nicht
so viel billiger, dass es bei seiner Gewinnmaximierung immer noch für
niedrigere Preise auf dem Markt reicht. Und ob er überhaupt seinen
gewinnmaximalen Preis setzen kann, ohne sein Monopol zu gefährden. Oder
ob er überhaupt dauerhaft Monopolist bleiben kann, selbst wenn er
abschreckend niedrige Preise nimmt. Und ob er
im Zeitablauf immer denselben Preis verlangen will. Wie er sich vor sich
selbst schützen kann. Ob er vor Konkurrenten Angst haben muss, die es
noch gar nicht gibt. Ob die Möglichkeit der Monopolbildung Anreize
schafft, Märkte überhaupt erst zu versorgen. Und so weiter. Aber
Eines muss klar sein: Dies sind die interessanten Fragen und Antworten der
Wirtschaftswissenschaften. Und nicht ein Erstsemestermodell, das für die
Landwirtschaft entwickelt wurde und nun ohne nachzudenken auf Software und
High-Tech übertragen wird.
Das Schlimme an der
Spieltheorie ist, dass sie oft so trocken und abstrakt klingt, als hätte
das alles gar nichts mit der echten Welt zu tun, in der wir leben. Lassen
Sie mich deshalb denselben Sachverhalt von eben einmal an einem Vergleich
beschreiben (der natürlich, wie jeder Vergleich, auch seine Schwächen
hat, aber vielleicht kann ich damit dennoch das Eine oder Andere
verständlich machen). Beamen
Sie sich dazu bitte gedanklich in einen etwas verwilderten Naturgarten,
um dort ein wenig von der Hektik des Arbeitsalltags zu entspannen. Was Sie
jetzt sehen könnten, wenn Sie dort wären, ist ein ungeordnetes, aber
irgendwie harmonisches Nebeneinander der verschiedensten Pflanzen und
Tiere, die alle zusammengenommen ein kleines Ökosystem bilden. Aber auch
wenn der Garten so harmonisch wirkt, ist hier keineswegs alles friedlich:
In langen Nahrungsketten frisst der eine den anderen, und wo ein
Pflänzchen mal nicht schnell genug ist, da schiebt sich schon das
nächste dran vorbei, um das Licht und damit die Nahrungsquelle
abzuzweigen. Jede
Pflanze denkt sich neue Strategien aus, um die anderen zu überlisten, zu
überdecken, um nicht gefressen zu werden, um zu überwintern, um die
eigenen Samen zu verbreiten. Sie investieren in schöne aber teure
Blüten, sie heften sich an das Fell von Tieren, sie produzieren früh im
Jahr kleine Fallschirmchen für ihre Samen, sie brauen Gifte, brennende
Oberflächen, Dornen, Bodenverankerungen. Es gibt fleischfressende
Pflanzen und Vögel, die deren Fallen aufpicken, um an die gefangenen
Insekten zu kommen. Kurzum: Hier herrscht Wettbewerb. Genau
das ist das Bild, das die ersten Theoretiker der Marktwirtschaft vor Augen
hatten. Viele kleine Individuen, die alle um einen kleinen Vorsprung
ringen, die zusammengenommen ein großes Bild ergeben, aber von denen
jeder einzelne zu klein ist, um allein einen wesentlichen Einfluss auf das
Gesamtbild zu haben. In diesem Zusammenspiel herrscht eine produktive Form
der Konkurrenz, in der sich jeder der vielen kleinen etwas Neues einfallen
lässt, und damit die Gesamtheit weiterbringt. Genau wie in unserem
Garten, der eine Schönheit und Widerstandsfähigkeit entwickelt, die man
nicht ohne weiteres hätte künstlich planen und anlegen können. Aber
manchmal kippt so ein System. Das passiert nicht ganz so leicht, ist aber
oft die Folge von Störungen von außen, die zu groß sind, um
ausgeglichen werden zu können. Wenn zum Beispiel eine Wiese abgeweidet
und überdüngt wird, dann breitet sich irgendein Mitglied der
Planzengemeinschaft zu sehr aus und verdrängt alles andere. Vielleicht
kennen Sie die reinen Löwenzahn-Wiesen, in denen statt der vielen
schönen Gräser und Blumen nur noch ganz wenige Pflanzenarten übrig
geblieben sind, diese aber in rauen Mengen. Nur
einer ist übrig geblieben - das ist ein Monopol aus dem ersten Semester
Betriebswirtschaft. Wir mögen es nicht, weil es die Vielfalt einschränkt
und weil es die Teilnehmer schlechter versorgt. Das passiert, weil das
Löwenzahn-Monopol keine andere "Technologie" verwendet als die
anderen Pflanzen, sondern einfach nur mehr des alten. Es
gibt aber auch eine andere Art von Monopol. Das taucht auf, wenn in der
Mitte des Gartens ein kleines Pflänzchen beständig weiter wächst und
irgendwann ein großer Baum daraus wird. Im Garten gibt es nur Platz für
einen Baum - es ist ein "natürliches Monopol". Gewiss nimmt der
Baum den Pflanzen darunter das Licht weg; natürlich ist er - zumindest
innerhalb des Gartens - keiner direkten Konkurrenz ausgesetzt. Aber freuen
wir uns nicht trotzdem an ihm, weil er Dinge kann, die die vielen kleinen
Pflanzen nicht konnten? Er fügt eine neue Qualität hinzu, eine, die die
vielen kleinen Pflänzchen trotz ihrer Vielfalt nicht hervorbringen
konnten. Jetzt nisten auch Vögel in unserem Garten, wir haben im
Spätsommer Äpfel, bei Sonne haben wir Schatten und bei Regen bleiben wir
trocken. Wir bauen uns ein Waldsofa
aus den Ästen, die wir oben abschneiden, und genießen die Natur. Doch
dann kommt die EU-Kommission mit der Axt und zerhackt unseren einzigen Baum. Denn der
Baum ist ja ein Monopol. Und wir sitzen wieder im Regen. Kleiner
Nachtrag: Am 07.02.08 hatte ich die Gelegenheit, mich mit dem ehemals
obersten Wettbewerbshüter Europas, Mario Monti, über diesen Sachverhalt
zu unterhalten - er kannte diese Argumente noch nicht einmal. Hätte er
doch nur ein gutes Spieltheoriebuch gelesen - sagen wir mal Coopetition
- Spieltheorie im Geschäftsleben. Für die europäischen Verbraucher
wäre das eine Sternstunde. Die
Kosten der Mobilfunkbetreiber Ein
kleiner Nachtrag aus der echten Welt: Die Mobilfunkbetreiber streiten sich
derzeit (im Mai 2006) um die Höhe der
"Zusammenschaltungsentgelte", also die Gebühren, die sie sich
gegenseitig berechnen, wenn Gespräche zwischen den Netzen geführt
werden. Der Betreiber E-Plus erhält derzeit 12,4 Cent pro Minute,
T-Mobile und Vodafone bekommen nur 11 Cent. In dieser Situation beklagt
sich E-Plus, der Unterschied sei zu gering, und es müsse einen größeren
Betrag mehr bekommen als die D-Netz-Betreiber. Wie
lautet die Begründung dafür, dass der eine Betreiber mehr bekommen soll
als der andere? Das von E-Plus beauftragte Wissenschaftliche Institut
für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) nennt uns die
Antwort ebenso zutreffend wie vielsagend: Im Wesentlichen wegen der
höheren Kundenzahlen im D-Netz liegen dort die Kosten für das
Weiterleiten der Gespräche um 82% niedriger als bei E-Plus (diese Zahl
ist kein Schreibfehler). Bitte
machen Sie sich klar, was das bedeutet: Weil im D-Netz mehr Kunden sind,
deshalb sind dort die Kosten pro Gesprächsminute niedriger. Hätte das
D-Netz noch mehr Kunden (zum Beispiel die von E-Plus, nachdem es aus dem
Markt ausscheidet), dann wären die Kosten noch niedriger. Genau davon
spreche ich, wenn ich auf die Vorteile von Monopolen hinweise. Aber
weil fast alle Menschen mit dem Wort "Wettbewerb" etwas
Positives verbinden, hat E-Plus in dieser Situation die Chuzpe, die
Argumentation einfach umzudrehen und verlangt höhere Entgelte, weil es ja
höhere Kosten habe und daher gleichhohe Gebühren für alle Netzbetreiber
dem Wettbewerb schade. Ich frage Sie: Wollen Sie einen Wettbewerb, wenn
dieser zu höheren Kosten führt? Wir
müssen einfach lernen: Wettbewerb ist kein Selbstzweck, sondern er soll
gut für die Konsumenten sein - in den Fällen, in denen er jedoch höhere
Kosten verursacht, nehmen wir vielleicht doch lieber das Monopol,
oder?
Schon verblüffend:
normalerweise sind sich doch alle einig, dass Wettbewerb etwas Tolles ist.
Da müssten doch eigentlich alle froh sein, dass es Unmengen kleiner
Krankenkassen gibt, die doch alle im Wettbewerb zueinander stehen
müssten. Komischerweise beklagen sich aber dort die Politiker, die vielen
Krankenkassen
seien zu klein, um wirtschaflich zu sein. Wieso? Natürlich aus dem
gleichen Grund, der auch beim Mobilfunk und in der Softwareindustrie gilt:
Unternehmen können billiger werden, wenn sie größer sind. Manchmal geht
das so weit, dass eben ein einziges Unternehmen den Markt am besten
versorgt. Wieso
sehen die Politiker das bei den Krankenkassen, nicht aber beim Mobilfunk?
Ich vermute, es liegt daran, dass im Gesundheitswesen die Vielzahl der
Kassen künstlich herbeigeführt wurde, indem die Rahmenbedingungen so
gesetzt sind, dass trotz der Menge an Kassen kein Wettbewerb zwischen
ihnen herrscht. Daher konnten sich dort ungehindert viele kleine
Krankenkassen halten, auch wenn sie unwirtschaftlich sind und daher unter
Marktbedingungen schon längst verschwunden wären (vermutlich fusioniert
hätten oder gekauft worden wären). Der jetzt entstandene Zustand ist so
offensichtlich unwirtschaftlich, dass ihn sogar Politiker sehen. Hoffentlich
sehen sie auch eines Tages, dass Wettbewerb nicht durch die Anzahl der
Anbieter entsteht, sondern durch die Rahmenbedingungen. Der Wettbewerb
kann bei einem Monopol sogar größer sein als bei vielen Kleinen:
Nämlich dann, wenn der Monopolist sein eigenen Wettbewerber ist oder wenn
er große Angst vor neuen Unternehmen im Markt haben muss. Beides
brauchten die Krankenkassen bisher nicht. Und
nur, falls Sie jetzt das Gefühl bekommen, ein Staatsmonopol
sei die beste Lösung, dann sollten Sie sich dessen Auswirkungen noch
einmal genauer ansehen. |
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