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Tragen Sie gern dreiteilige, graue
Flanell-Anzüge mit Schlips? Ich nicht. Ich kenne sogar noch nicht einmal
jemanden, der behauptet, sie gern zu tragen. Ich kenne aber sehr viele,
die es tun, und viele, die es von anderen verlangen. Wieso
eigentlich?
Versetzen Sie sich bitte einmal in die Situation eines mittleren
Managers, der gerade einen neuen Mitarbeiter einstellen will: Er will
jemanden, der ihm viel Arbeit abnimmt und wenig Ärger macht.
Ein kreativer Mitarbeiter denkt selber, kritisiert, hat neue Ideen,
probiert viel und ist nachlässig in Details, weil er seine Zeit für die
wichtigen Dinge verwendet, nicht für den Bürokratiekram. Und damit ist
er eine Katastrophe für seinen Chef des mittleren Managements, denn er
eckt oft an, nervt mit neuen Ideen und verschludert das eine oder andere
Formular gleich in dreifacher Ausfertigung. Deshalb haben diese Leute kaum
eine Chance, jemals eingestellt zu werden. Denn als potenzieller Chef
nimmt dann doch lieber den harmlosen, unkreativen Mitarbeiter.
Ein harmloser, unkreativer Mitarbeiter ist grau. Man erkennt ihn am
grauen Anzug, am grauen Hemd und an der Krawatte. Zum Glück haben diese
Merkmale eine wesentliche Eigenschaft: Sie sind nicht imitationssicher.
Ein bunter Mitarbeiter kann sich daher ganz leicht als grauer Mitarbeiter
tarnen: durch grauen Anzug, graues Hemd und Krawatte. Und genau das tun
sie dann auch. Schon sehen wir, wieso alle Geschäftsleute so grau
herumlaufen.
In der Spieltheorie nennt man das ein "Pooling-Gleichgewicht in
einem Signalisierspiel". Ein Signalisierspiel ist ein Spiel, in
dem ein Spieler mehr über sich weiß als seine Gegenspielerin und ein
Signal senden kann, aus dem sie potenziell etwas über sein geheimes
Wissen erfährt. In manchen derartigen Spielen enthält dieses Signal
tatsächlich eine Information über das geheime Wissen des ersten
Spielers, in anderen Spielen verstecken sich die wissenden Spieler in
einem "Pool" und tarnen sich dabei so geschickt, dass das Signal
keine Information mehr enthält. Genau das tun die Anzugsträger: Sie
verstecken sich hinter der Unkreativität, denn auch wenn man wirklich
kreativ sein sollte, kann man einen Unkreativen ziemlich leicht nachahmen,
indem man das graue Signal sendet.
Die Message des grauen Anzugs mit Krawatte ist also folgende: "Ich
bin wirklich klein und grau. Ich werde brav die Arbeit machen und nicht
aufmucken. Selbst falls ich nicht grau sein sollte, dann bin ich immerhin
breit, mein Selbstwertgefühl soweit zurückzunehmen, dass ich so grau tun
kann, wie Sie mich gerade erleben. So einen braven Menschen wollen Sie
doch bestimmt einstellen!"
Schon wissen wir, wieso alle Geschäftsleute grau sind und Krawatte
tragen. (Und im Nebenbei wissen wir auch, wieso die ganz Erfolgreichen und
die ganz Erfolglosen das nicht tun, aber das nur am Rande.) Allerdings
wissen noch nicht, wieso zwar alle grau herumlaufen, aber immer behaupten,
es gar nicht zu wollen.
Aber auch das ist ganz einfach: Niemand gibt gern zu, wirklich
unkreativ und grau zu sein. Deshalb möchte man im privaten Bereich viel
lieber bunt und kreativ erscheinen, auch dann, wenn man es gar nicht ist.
Das ist zum Glück kein Problem mehr, denn jetzt kann man folgende
Begründung anbringen:
"Natürlich mag ich keine Krawatte. Aber meine Geschäftspartner,
die ja alle so schrecklich grau und unkreativ sind, erwarten von mir, dass
ich sie trage. Um kein Risiko einzugehen, mache ich das dann auch. Und um
gar kein Risiko einzugehen, ordne ich in meiner Abteilung an, dass es dort
auch alle so tun müssen."
Gerettet! Weil sich ja alle als grau tarnen müssen, kann jeder nach
Belieben behaupten, in Wahrheit grau oder bunt zu sein, wie es denn gerade
passt. Das Allerbeste ist, dass sich jetzt wirklich jeder insgeheim bunt
fühlen kann und trotzdem grau auftreten darf, denn selbst die, die
wirklich bunt und kreativ sind, machen es so. Dem Pooling-Gleichgewicht
sei Dank!
Was mich jetzt noch interessieren würde, ist wieder mal eine
empirische Frage: Wie groß ist eigentlich der wahre Anteil der Grauen und
der Bunten? Vielleicht gibt es ja eine erdrückende Mehrheit an Bunten,
und keiner merkt es?
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