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Mit dem Flanell-Anzug im Pool: 
Wieso trägt man Anzug mit Krawatte?  

© Christian Rieck 
www.spieltheorie.de 

Version vom 22.03.2007
Erstversion vom 22.03.07 

 
Web www.spieltheorie.de

Tragen Sie gern dreiteilige, graue Flanell-Anzüge mit Schlips? Ich nicht. Ich kenne sogar noch nicht einmal jemanden, der behauptet, sie gern zu tragen. Ich kenne aber sehr viele, die es tun, und viele, die es von anderen verlangen. Wieso eigentlich? 

Versetzen Sie sich bitte einmal in die Situation eines mittleren Managers, der gerade einen neuen Mitarbeiter einstellen will: Er will jemanden, der ihm viel Arbeit abnimmt und wenig Ärger macht. 

Ein kreativer Mitarbeiter denkt selber, kritisiert, hat neue Ideen, probiert viel und ist nachlässig in Details, weil er seine Zeit für die wichtigen Dinge verwendet, nicht für den Bürokratiekram. Und damit ist er eine Katastrophe für seinen Chef des mittleren Managements, denn er eckt oft an, nervt mit neuen Ideen und verschludert das eine oder andere Formular gleich in dreifacher Ausfertigung. Deshalb haben diese Leute kaum eine Chance, jemals eingestellt zu werden. Denn als potenzieller Chef nimmt dann doch lieber den harmlosen, unkreativen Mitarbeiter. 

Ein harmloser, unkreativer Mitarbeiter ist grau. Man erkennt ihn am grauen Anzug, am grauen Hemd und an der Krawatte. Zum Glück haben diese Merkmale eine wesentliche Eigenschaft: Sie sind nicht imitationssicher. Ein bunter Mitarbeiter kann sich daher ganz leicht als grauer Mitarbeiter tarnen: durch grauen Anzug, graues Hemd und Krawatte. Und genau das tun sie dann auch. Schon sehen wir, wieso alle Geschäftsleute so grau herumlaufen. 

In der Spieltheorie nennt man das ein "Pooling-Gleichgewicht in einem Signalisierspiel". Ein Signalisierspiel ist ein Spiel, in dem ein Spieler mehr über sich weiß als seine Gegenspielerin und ein Signal senden kann, aus dem sie potenziell etwas über sein geheimes Wissen erfährt. In manchen derartigen Spielen enthält dieses Signal tatsächlich eine Information über das geheime Wissen des ersten Spielers, in anderen Spielen verstecken sich die wissenden Spieler in einem "Pool" und tarnen sich dabei so geschickt, dass das Signal keine Information mehr enthält. Genau das tun die Anzugsträger: Sie verstecken sich hinter der Unkreativität, denn auch wenn man wirklich kreativ sein sollte, kann man einen Unkreativen ziemlich leicht nachahmen, indem man das graue Signal sendet. 

Die Message des grauen Anzugs mit Krawatte ist also folgende: "Ich bin wirklich klein und grau. Ich werde brav die Arbeit machen und nicht aufmucken. Selbst falls ich nicht grau sein sollte, dann bin ich immerhin breit, mein Selbstwertgefühl soweit zurückzunehmen, dass ich so grau tun kann, wie Sie mich gerade erleben. So einen braven Menschen wollen Sie doch bestimmt einstellen!" 

Schon wissen wir, wieso alle Geschäftsleute grau sind und Krawatte tragen. (Und im Nebenbei wissen wir auch, wieso die ganz Erfolgreichen und die ganz Erfolglosen das nicht tun, aber das nur am Rande.) Allerdings wissen noch nicht, wieso zwar alle grau herumlaufen, aber immer behaupten, es gar nicht zu wollen. 

Aber auch das ist ganz einfach: Niemand gibt gern zu, wirklich unkreativ und grau zu sein. Deshalb möchte man im privaten Bereich viel lieber bunt und kreativ erscheinen, auch dann, wenn man es gar nicht ist. Das ist zum Glück kein Problem mehr, denn jetzt kann man folgende Begründung anbringen: 

"Natürlich mag ich keine Krawatte. Aber meine Geschäftspartner, die ja alle so schrecklich grau und unkreativ sind, erwarten von mir, dass ich sie trage. Um kein Risiko einzugehen, mache ich das dann auch. Und um gar kein Risiko einzugehen, ordne ich in meiner Abteilung an, dass es dort auch alle so tun müssen."

Gerettet! Weil sich ja alle als grau tarnen müssen, kann jeder nach Belieben behaupten, in Wahrheit grau oder bunt zu sein, wie es denn gerade passt. Das Allerbeste ist, dass sich jetzt wirklich jeder insgeheim bunt fühlen kann und trotzdem grau auftreten darf, denn selbst die, die wirklich bunt und kreativ sind, machen es so. Dem Pooling-Gleichgewicht sei Dank! 

Was mich jetzt noch interessieren würde, ist wieder mal eine empirische Frage: Wie groß ist eigentlich der wahre Anteil der Grauen und der Bunten? Vielleicht gibt es ja eine erdrückende Mehrheit an Bunten, und keiner merkt es? 

 

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