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Raucher und Menschen mit Kinderwunsch leben in einem "sozialen
Dilemma". Das Schlimmste daran: ihre Gegenspieler sind sie
selbst.
"Eigentlich will ich ja aufhören" ist vielleicht der
häufigste Satz, den Sie von Rauchern zu hören bekommen. Aber irgend
etwas ist daran nicht schlüssig: Wenn es jemandem lieber ist, nicht zu
rauchen als zu rauchen, dann würde er nicht rauchen. Aus der puren
Tatsache, dass er raucht, kann man also schon schließen, dass es ihm
lieber war zu rauchen als nicht zu rauchen. Wie kommt es also, dass er
raucht, es aber eigentlich lieber nicht getan hätte?
Eine mögliche Antwort liegt darin begründet, wen wir eigentlich als
Entscheider ansehen (bzw. als Spieler, wie die Entscheider in der
Spieltheorie genannt werden). Wir stellen uns gern vor, ein Mensch sei
eine Einheit, die im Zeitablauf unveränderlich bestehen bleibt. Mit
diesem philosophischen Grundkonzept im Kopf macht dieser Eine in der Tat
etwas Paradoxes: Wissend, dass er die Nachteile des Rauchens nicht in Kauf
nehmen will, raucht er trotzdem.
Nun gibt es schon lange Philosophen, die den Menschen nicht als eine im
Zeitablauf konstante Einheit betrachten, sondern als etwas Veränderliches
(ich denke da an Heraklids "alles fließt"). Diese Ansicht existiert auch in der Spieltheorie. Der
Extremfall des nicht-konstanten Entscheiders ist der Agent,
der in der Agentnormalform
dargestellt wird. Folgen wir diesem Konzept, dann zerfällt unser Mensch
in lauter einzelne Agenten, die jeweils nur wenige Minuten existieren,
nämlich nur so lange, bis die nächste Entscheidung darüber ansteht,
wieder eine Zigarette anzustecken oder es nicht zu tun.
Rauchen als soziales Dilemma
Jeder Agent, der jetzt vor der Entscheidung des Rauchens steht, denkt
nun: "Die letzte Zigarette ist schon ganz schön lange her. Wenn ich
jetzt eine neue Zigarette anzünde, dann schmeckt sie gut und ich bin
glücklicher als ohne Zigarette." Also zündet er sie an. Während er
dies tut, schreien alle anderen Agenten auf und rufen im Chor "Wie
kannst du nur! Du schadest doch uns allen damit, und unser gemeinsamer
Schaden ist viel größer als das Bisschen Genuss, das du aus dieser einen
Zigarette ziehst! Denn wir alle gehören doch zum selben Spieler!"
Das fällt bei dem aktuellen Agenten aber auf taube Ohren, weil er nur
für sich selbst entscheidet und der Schaden der Zigarette winzig ist, der
auf ihn entfällt. Wie man sieht, haben wir es hier mit einer klassischen Dilemma-Situation
zu tun (Sie kennen sie vielleicht unter dem Namen Gefangenendilemma):
Während der Nutzen nur den Einen betrifft, verteilt sich der Schaden auf
Alle. Infolgedessen ist es hier eine dominante
Strategie, das zu tun, was man nicht tun würde, wenn man den Schaden
komplett selbst tragen müsste. Wir finden eine ähnliche Konstellation
bei der Entscheidung zwischen dem Auto- und
Bahnfahren.
So kommt es, dass der nächste Agent, der eben noch über seinen
Vorgänger gejammert hat, wiederum sagt: "Wenn ich diese Zigarette
jetzt anzünde, dann schmeckt sie gut und ich bin glücklicher als ohne
Zigarette. Zwar habe ich mich eben noch aufgeregt, als mein Vorgänger
seine Zigarette angezündet hat, aber er hatte aus seiner Sicht ja recht.
Denn der gesundheitliche Nachteil für mich ist praktisch gleich null, der
Genuss aber ist daran gemessen groß." Spricht es und raucht,
während seine nachfolgenden Agenten zetern, solange sie noch nicht selbst
an der Reihe sind zu entscheiden. Und das Verrückteste: Nicht nur,
dass der arme Raucher in einem sozialen Dilemma steckt, er ist auch noch
Spieler und Gegenspieler in einer Person.
Der Kinderwunsch: Auch ein inneres Dilemma
Und was hat das mit dem Kinderwunsch zu tun? Kennen Sie den Satz:
"Eigentlich möchte ich gern Kinder, aber jetzt ist nicht der
richtige Zeitpunkt"? Könnte es sein, dass hier der eine Agent der
Gegenwart sein eigenes bequemes Leben ohne Kinder gegen das kleine
Quäntchen Nachteil abwägt, das auf ihn entfällt, wenn nach Ablauf der
biologischen Uhr alle Agenten ohne Kinder dastehen?
Wie der Transfer auf den Kinderwunsch genau funktioniert, das können Sie ja jetzt auch
allein. Falls nicht, brauchen Sie mein Lehrbuch
zur Spieltheorie.
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