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Das war das
Ende der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale
zur WM 2006: In der 118. Minute bringen die Italiener plötzlich völlig
unerwartet den Ball ins Tor. Nur
zwei Minuten später gelingt es ihnen gleich ein zweites Mal, und sie
siegen mit 2:0. Wieso gelingt Ihnen in zwei Minuten auf einmal das, was
Sie in den 118 Minuten zuvor nicht geschafft haben?
Die
naheliegende Antwort scheint zu sein, dass sie mit dem ersten Treffer
die Deutschen so verunsichert haben, dass diese von da ab eben
unaufmerksam waren. Aber das ist mit ziemlicher Sicherheit nicht der Grund,
zumindest nicht der hauptsächliche. Sondern der Grund ist, dass die
Deutschen gar nicht mehr versucht haben, den zweiten Ball abzuwehren. Es wäre
zumindest rational gewesen, so zu handeln.
Da ist ein allgemeines Prinzip, das dahinter steckt.
Normalerweise mögen Menschen Risiko
nicht – es sei denn, sie sind gerade dabei zu verlieren; dann lieben Sie
Risiko. Das ist in Kürze der Inhalt der „Prospect
Theory“ von Daniel Kahneman und Amos Tversky, für
die Kahnemann im Jahr 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften
verliehen bekam (Amos Tversky konnte ihn nicht mehr bekommen, weil er 1996
gestorben ist). Der eine Teil der Prospect-Theorie ist sozusagen
klassisch: Dass Menschen Risiko nicht mögen, war schon seit langem die
Standardannahme in der Nutzentheorie (also der Theorie, die mathematisch
analysiert, was Menschen mögen und was nicht). Der andere Teil der
Theorie aber war neu, nämlich dass Menschen umschalten, wenn sie
verlieren, und auf einmal Risiko mögen. Warum ist das so?
Es liegt in der Natur der Auszahlungen
(was nur ein anderes Wort für Spielausgänge ist). Werfen Sie einmal
einen Blick auf die Auszahlungen an die deutsche Nationalmannschaft. Wenn
sie verliert, bezeichnen wir das hier einfach einmal mit dem Zahlenwert
–1, wenn sie gewinnt mit +1, ein Unentschieden mit 0 (bei einer Fußball-Weltmeisterschaft
wird so lange weitergemacht, bis ein Sieger feststeht – und sei es durch
Elfmeterschießen, was in der letzten Phase einem Losentscheid sehr nahe
kommt. Eine Auszahlung
von null heißt, dass hierbei beide Mannschaften die gleichen Chancen haben). Eine Mannschaft
gewinnt, wenn sie mindestens ein Tor mehr hat als die gegnerische
Mannschaft. Die Auszahlungsfunktion springt also an dieser Stelle von –1
auf 0 und weiter auf +1 – das ist nichts weiter als die Übersetzung der
Spielausgänge verlieren, unentschieden und gewinnen
in Zahlenwerte. Bei –1 liegt die Auszahlung, ganz gleich mit wievielen
Toren man im Rückstand liegt. Auch wenn eine Mannschaft von einem Tor Rückstand
auf fünf Tore zurückfällt, bleibt die „Auszahlung“ dieselbe, nämlich
–1, weil das Spiel verloren ist.
Diese Sprungstelle existiert strenggenommen nur in
der letzten Minute. Je mehr Spielzeit noch verbliebt, desto wichtiger wird
es, wieviele Tore man im Rückstand oder Vorsprung ist, weil damit der
Puffer umso größer wird, der unschöne Ereignisse im Spielverlauf
abfedern kann. Beamen wir uns also in die letzte Spielminute, in der nur
noch ein einziger Angriff möglich ist, bevor abgepfiffen wird. Stellen
wir uns zudem etwas vereinfachend vor, eine Mannschaft könne zwischen
zwei Strategien wählen: Strategie „Sicherheit“, mit der man
jedes Tor der Gegner verhindern kann, aber auch kein eigenes schießen
kann; oder Strategie „Risiko“, bei der man eine Lotterie
eingeht, bei der man am Ende entweder ein eigenes Tor mehr hat – oder
noch einen Ball mehr im eigenen Tor.
Am Anfang eines Spiels würde die Mannschaft wohl nur
eine solche Lotterie
eingehen, bei der die Chancen etwa ausgeglichen sind, ein Tor zu schießen
oder eines ins eigene Tor zu bekommen. Denn dann ist der Erwartungswert
der beiden Strategien etwa gleich, nämlich null. Das kommt daher, dass
die Strategie Sicherheit die Auszahlung von null garantiert, die
Strategie Risiko dagegen entweder -1 oder +1 beschert, im
Erwartungswert also ebenfalls null, sofern die Chancen ausgeglichen sind.
Daher mag unsere Mannschaft die beiden Strategien etwa gleich gern.
Wenn man im Rückstand ist, ändert sich das aber,
besonders gegen Ende des Spiels. Die einzige Chance besteht dann darin,
noch ein Tor zu schießen. Wie schlecht dürfen in dieser Situation die
Chancen für das eigene Tor stehen, damit sich das Eingehen eines Risikos
noch lohnt? Nun: beliebig schlecht. Denn eine Mannschaft, die genau ein
Tor im Rückstand liegt, hat sicher verloren, wenn sie auf Sicherheit
spielt. Die Auszahlung bei der Strategie „Sicherheit“ ist auf
jeden Fall –1, bei der Strategie „Risiko“ hängt sie von der
Wahrscheinlichkeit ab, mit der man selbst ein Tor schießt. Da wir ja
vereinfachend angenommen haben, dass bei der Strategie Risiko
entweder die eine oder die andere Mannschaft ein Tor schießt (also mit
Sicherheit eines fällt), ist die Auszahlung in diesem Fall 0*p – 1*(1-p).
Null, weil das eigene Tor nur zu einem Unentschieden führt, -1 weil man
auch dann „nur“ verliert, wenn die Gegner zwei Tore mehr haben als man
selbst.
Etwas umgeformt ist der Ausdruck von eben gleich p-1.
Dies soll größer sein als der sichere Verlust der Partie, also größer
als –1. Wenn aber p-1 > -1 sein soll, dann ist das immer erfüllt,
wenn p>0 ist. Mit anderen Worten: solange nur eine verschwindend kleine
Wahrscheinlichkeit besteht, durch die Strategie „Risiko“ noch
ein eigenes Tor zu schießen, dann geht man dieses Risiko ein. Und das
selbst dann, wenn durch diese Strategie praktisch sicher die Gegner ein
Tor schießen und nicht man selbst.
Dieser Fall ist natürlich extrem. Und zwar deshalb,
weil es nur noch eine einzige Lotterie im gesamten Spiel gibt. Die Welt
sieht anders aus, wenn eine Mannschaft zu Beginn der zweiten Halbzeit um
ein Tor zurückliegt. Auch hier kann sie nicht mehr die gesamte Zeit die
Strategie Sicherheit wählen ohne zu verlieren, aber sie wird „Risiko“
nur dann wählen, wenn die Chancen deutlich besser stehen als im Beispiel
von eben. Aber auch hier wird sie das Risiko eingehen, selbst wenn die
Chancen schlechter als 50% sind – also anders als wenn sie einen
Gleichstand hätte. Mit anderen Worten: im Verlustbereich sind wir bereit,
eine Lotterie einzugehen, obwohl wir bei der Lotterie im Erwartungswert
etwas verlieren. Wir wählen die Lotterie sozusagen um ihres Risikos
Willen – und genau das ist Risikofreude.
Das Verhalten, das die meisten Menschen im Bezug auf
Risiko an den Tag legen und das Kahneman und Tversky in ihrer Prospect
Theory beschrieben haben, ist also durchaus eine rationale
Verhaltensweise, wenn die Auszahlungen über einen Bereich hinweg gleich
bleiben und dann an einer Stelle plötzlich springen – und das ist zum
Beispiel der klassische Fall bei Sportveranstaltungen, in denen es eben
nur einen Sieger und viele Verlierer gibt. Es ist auch eine Situation, mit
der Tiere im Laufe der Evolution vielfach vertraut geworden sind. Ob ein
Tier ein bisschen verletzt ist oder sehr stark macht in der Natur meist
keinen großen Unterschied; denn ein auch nur leicht verletztes Tier überlebt
in der Regel nicht mehr viele Tage.
Daher haben wir schon in der Evolution und später im
eigenen Leben oft die Erfahrung gemacht, dass einen im Verlustbereich nur
noch ein Wunder retten kann. Aber Wunder geschehen nicht, wenn man auf
Sicherheit geht, sondern man muss ihnen schon eine Chance geben – und
die heißt Risiko. Deshalb handeln wir umso risikofreudiger, je dichter
uns das Wasser am Hals steht.
Literatur
Kahneman,
David / Tversky, Amos (1979): Prospect
theory - An analysis of decision under risk, Econometrica 47.2,
263-291.
Kahneman, David. /
Tversky, Amos
(Hrsg.), (2000): Choices,
values and frames, Cambridge University Press, Cambridge.
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