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Elektronikmärkte stehen in erbitterten Preiskampf. Sie garantieren
uns sogar, dass sie uns den günstigsten Preis machen, den wir in einem
anderen Geschäft finden. Der flüchtige
Betrachter ist geneigt, diese Garantie als Ausdruck heftigen Wettbewerbs
zu sehen; der Spieltheoretiker wittert dahinter allerdings eine ausgetüftelte Strategie
der geheimen Kommunikation. Ich sage Ihnen hier, welche.
Am Anfang war das Monopol
Dafür stellen wir uns zunächst einmal zwei etwas vereinfachte
Elektronik-Märkte vor und nennen sie Saturn und Mars.[1] Zuerst öffnet nur
Saturn seine Pforten. Da er in diesem Moment Monopolist ist, braucht er
sich nur um die Kunden zu sorgen, nicht um die Konkurrenz. Viele Menschen
glauben, in dieser Situation könne er jeden beliebigen Preis verlangen,
"weil die Kunden ja dort kaufen müssen", aber das stimmt nicht
ganz, zumindest sofern er auch etwas verdienen will. Denn wenn ein
Monopolist den Preis zu hoch setzt, dann verdient er zwar an jedem
einzelnen Stück viel, aber insgesamt nur wenig, weil viele potenzielle
Käufer einfach wegbleiben. Der für den Anbieter optimale Preis liegt
daher irgendwo in der Mitte - wo genau, das hängt davon ab, wie stark die
Bereitschaft der Käufer ist, auf andere Produkte umzusteigen oder sogar
einfach ganz wegzubleiben.
Aus spieltheoretischer Sicht stellt sich diese Situation so dar: Die
vielen Nachfrager sind alle ganz winzig und haben einzeln keinen Einfluss
auf das Spielergebnis. Der einzige Spieler ist daher der Monopolist, der
hier gegen eine "dumme" Masse spielt, die nicht strategisch
handelt (weil die vielen kleinen Nachfrager keine Chance haben, sich zu
koordinieren und einzeln keinen Einfluss auf das Ergebnis haben). Die
Lösung in diesem Einpersonenspiel
besteht darin, dass der Monopolist einen mittleren Preis setzt, mit dem er
seinen Gewinn maximiert und bei dem die Kunden weniger kaufen als sie
kaufen würden, wenn es eine Konkurrenz unter vielen Anbietern gäbe.
(Allerdings gilt das nur unter bestimmten Bedingungen; manchmal kann ein Monopolist
sogar billiger sein als die Anbieter in der
Konkurrenzsituation.)
Die Stunde der Wahrheit: der Preiswettbewerb
Einen Monat später öffnet nun der Konkurrent Mars seine Pforten auf
der gegenüberliegenden Straßenseite verkauft genau die gleichen
Elektronik-Geräte zu exakt demselben Preis wie Saturn.
Was machen die Kunden? Weil es ihnen ziemlich egal ist, wie der
Verkäufer ihrer Digitalkamera und externen Festplatte heißt, gehen sie zufällig mal zu dem
einen, mal zu dem anderen. Als Resultat verkauft Saturn nur noch die
Hälfte wie vorher, denn die andere Hälfte der Kunden geht ja jetzt zu
Mars.
Nach der ersten Verärgerung über diese Entwicklung setzen sich die
Marketingstrategen zusammen und kommen nach einer durchgearbeiteten
Klausurtagung am Wochenende auf die grandiose Idee, ein Schild
aufzuhängen, auf dem steht "Geiz ist geil - bei uns alles einen Euro
billiger!" Die Wirkung auf die Kunden ist durchschlagend: Weil es ihnen ja
nach wie vor egal ist, ob Mars oder Saturn auf dem Kassenzettel steht,
kommen jetzt wieder alle zu Saturn, denn Euro ist schließlich Euro und
Geiz ist eben geil. Dort knallen die Sektkorken, weil
jetzt wieder alle Kunden da sind und hierfür der Preis nur ziemlich wenig
gesenkt werden musste, sodass der Gewinn wieder fast so hoch wie vorher
ist.
Wenn wir es mit einer Situation ohne Gegenspieler zu tun hätten, dann
wäre die Analyse hier schon beendet. Aber die Lehre der Spieltheorie
besteht ja darin, eine Situation nicht nur aus einer Richtung zu
betrachten, sondern sich auch in die Lage der anderen Beteiligten
hineinzuversetzen. Und was geht nun auf der anderen Straßenseite vor? Bei Mars ist man ziemlich sauer.
"Ich bin doch nicht blöd!" ruft der Marketingchef aus, und
damit steht die Gegenstrategie auch schon fest: Den Spruch finden alle
Mitarbeiter (besonders seine Untergebenen) so überzeugend, dass sie
gleich beginnen, ein Schild damit zu malen und noch den Zusatz anbringen:
"Alles zwei Euro billiger!"
Und schon sind alle Kunden bei Mars, die jetzt wieder fast den
Monopolgewinn machen, während bei Saturn alles leer ist. Daher schreibt
man dort schnell "Alles 3 Euro billiger" auf das Geiz-ist-geil-Schild, nur um
am nächsten Tag auf der anderen Straßenseite "4 Euro billiger" zu lesen.
Und so
weiter.
Das Ganze endet erst dann, wenn beide ihren Einstandspreis erreicht haben.
Nicht nur, dass dadurch der gesamte Gewinn weg ist, noch nicht einmal
die Fixkosten werden mehr gedeckt: Beide Märkte verkaufen schließlich ihre Geräte zu
exakt demselben Preis, zu dem sie sie eingekauft haben, denn nur dort
haben sie keinen Anreiz mehr, sich noch weiter zu unterbieten.
So seltsam
das klingt, aber das ist das spieltheoretische Ergebnis, sprich das Nash-Gleichgewicht,
wenn zwei Konkurrenten in einem Preiswettbewerb sind, der oft Bertrand-Wettbewerb
genannt wird. Jedes andere Verhalten ist nicht im Gleichgewicht, weil
mindestens einer der beiden Märkte einen Anreiz hat, davon abzuweichen -
sprich: alle anderen Zustände zerstören sich aus sich selbst
heraus.
Die Abwehrstrategie
Jetzt werden mehrere längere Klausurtagungen auf beiden Straßenseiten
fällig. Was kann man tun, um aus der Situation herauszukommen?
Die erste Idee ist ebenso naheliegend wie illegal. Man könnte einfach
einmal höflich auf der anderen Straßenseite vorbeischauen und den
Vorschlag machen, die Preise gemeinsam wieder anzuheben. Dann haben zwar
beide nur die Hälfte des Marktes, machen aber wenigstens wieder Gewinn.
Das klingt gut, führt aber zu größerem Ärger[2], weil das
ein illegales Kartell wäre. Daher wird diese Idee wieder verworfen.
Die Kunst besteht also darin, eine Mitteilung zu finden, die den
Konkurrenten erreicht und ihn überzeugt, die Preise nicht zu senken, ohne
diese Mitteilung tatsächlich auszusprechen. Zunächst sind die Strategen
noch etwas erregt und tüfteln daher an
einer Drohung des Typs: "Wer einen billigeren Preis macht
als wir, dessen Geschäft sprengen wir in die Luft!" Das hätte zwar
vordergründig die gewünschte Wirkung, könnte aber unbeabsichtigte
Nebenwirkungen haben (denn als Spieltheoretiker fällt uns bald ein, dass
die anderen auch gerade ein wenig erregt zusammensitzen und sich eventuell ebenfalls genötigt
sehen, Bomben zu entwickeln). Aber zum Glück wird es nicht dazu kommen, denn um derartige
Eskalationen zu vermeiden, ist diese Vorgehensweise ebenfalls
illegal.
Daher sucht man eine etwas schwächere Variante und schreibt "Wer
uns unterbietet, dem nehmen wir alle Kunden weg!" wohl wissend, dass
der andere schon versteht, wie das geht: durch abermaliges Unterbieten. Eine
genauere Betrachtung bringt aber zwei Nachteile dieser Formulierung ans
Tageslicht. Erstens richtet sich dieses Schild an den Konkurrenten, und
daher könnten übereifrige Wettbewerbshüter eine unerlaubte Absprache
wittern, auch wenn das nicht ganz sicher ist. Zweitens ist die Reaktion
des Konkurrenten ziemlich klar: Er wird das gleiche Schild aufhängen, und die beiden
würden wieder in dem Unterbietungs-Wettlauf enden, den sie ja gerade
vermeiden wollten. Daher muss man eine Formulierung finden, die
diesen Wettlauf verhindert, selbst dann, wenn sie von der anderen Seite auch
aufgegriffen wird (schließlich denken wir in Gleichgewichten). Die beiden suchen sozusagen ein Droh-Gleichgewicht auf
hohem Preisniveau (noch genauer: sie suchen eine Drohung, die zu einem
Nash-Gleichgewicht mit hohen Preisen führt).
Es dauert ein wenig, bis Mars die durchschlagende Idee hat. Dann
schreiben sie auf ihr Schild: "Liebe Kunden: Wenn Sie einen
unserer Artikel irgendwo anders billiger bekommen als bei uns, dann machen wir
Ihnen den gleichen Preis."
Diese Formulierung schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens
werden jetzt die Kunden angesprochen, nicht mehr der Konkurrent. Die
Wettbewerbshüter haben also nichts zu meckern. Besser noch: Mars verspricht
ja den Kunden niedrigste Preise, und das kann ja wohl nicht
gegen irgendwelche Wettbewerbsregeln verstoßen, denn der Grund
für den Wettbewerb sind doch niedrige Preise, nicht wahr? Zweitens
stört es Mars überhaupt nicht, wenn die anderen das gleiche Schild
aufhängen; im Gegenteil, es freut sie sogar, wie wir gleich sehen werden,
wenn wir uns die Wirkung des Schildes angesehen haben: Denn diese ist die
gleiche wie bei den alten Formulierungen, die sich noch an den Konkurrenten
gerichtet hatten. Der Andere weiß jetzt, dass ihm eine Preissenkung nichts
bringt, weil alle Kunden auf der anderen Straßenseite sofort den gleichen
Preis bekommen. Statt des erhofften Mehrverkaufs führt jetzt eine
Preissenkung ausschließlich zu einer geringeren Gewinnspanne (eigentlich
Deckungsbeitrag) pro verkaufter
Einheit und damit zu weniger Gewinn statt mehr. Und das war genau das, was
die Strategen wollten. Denn nun gibt es keinen Anreiz für den Konkurrenten
mehr, seine Preise zu senken.
Jetzt braucht Mars nur noch eines: Sie müssen sich selbst vor der
Versuchung schützen, die Preise zu senken. Das nimmt ihnen aber
glücklicherweise der
Konkurrent ab. Denn wenn Saturn das gleiche Schild aufhängt, dann nimmt er
Mars den Anreiz, die Preise zu senken. Daher wartet Mars sehnsüchtig
darauf, dass Saturn nachzieht und das gleiche Schild aufhängt. Und schon
gibt es ein Gleichgewicht bei hohen Preisen. Denn nun haben beide einen
Anreiz, die Preise so lange wieder zu erhöhen, bis sie den ehemaligen
Monopolpreis erreicht haben.
Und siehe da: Die scheinbar aggressive Preispolitik ist eine
Geheimsprache der Konkurrenten, um ganz legal eine Absprache zu treffen, die auf
andere Weise verboten wäre.
Für Skeptiker
Das ist doch wieder mal alles viel zu einfach!
Klar habe ich vereinfacht. Aber sehen wir uns an, wie wichtig diese
Vereinfachungen für das Ergebnis sind.
Da ist zunächst einmal die Sache mit dem abwechselnden Aufhängen der
Schilder über die gesenkten Preise. Dies ist ganz klar ein kurzsichtiges
(myopisches)
Verhalten: Beide tun bei jeder ihrer Handlungen so, als
würden die anderen nicht mehr reagieren, nur um dann erstaunt
festzustellen, dass sie es doch tun. Und selbst daraus lernen sie nicht.
Man nennt dies die "dynamische Interpretation"
der Lösung des Spiels;
dynamisch klingt zwar irgendwie positiv, bezeichnet hier aber die etwas
dümmliche Verhaltensweise, bei der die Spieler aus ihren vergangenen Fehlern
nicht lernen. Dynamisch heißt in diesem Zusammenhang nichts anderes, als
"im Zeitablauf". Strenggenommen tun wir bei der dynamischen
Interpretation so, als gäbe es in nicht nur ein (Einmal-) Spiel, sondern
als würde dieses Spiel immer wieder hintereinander gespielt (zum Beispiel
pro Tag einmal).
Dadurch ergeben sich aber bei strategischen Spielern ganz neue
strategische Möglichkeiten, die weit über das kurzsichtige Verhalten
hinausgehen. Denn anstatt bei jeder Preissenkung des Konkurrenten aus
allen Wolken zu fallen, kann man ein Verhalten an den Tag legen, das auf
das vergangene Verhalten Bezug nimmt. Also zum Beispiel den Preis immer
auf genau denselben Wert festsetzen wie der andere aus der Vorperiode - ob
das im Gleichgewicht ist, ist noch eine andere Frage, aber die
strategische Möglichkeit besteht jedenfalls zunächst einmal. Und da das
so ist, stimmt die Analyse von oben gar nicht mehr mit der beschriebenen
Situation überein, denn oben bestehen die Strategien ja einfach nur aus
dem Festsetzen eines Preises.
Nicht spielen, sondern zuerst denken
Um dieses Problem zu vermeiden, geht die heute übliche
spieltheoretische Analyse davon aus, dass die Spieler einen solchen
Prozess gar nicht wirklich durchlaufen, sondern ihn nur gedanklich
vorwegnehmen und dann sofort wissen, worauf es hinausläuft, also was das
Gleichgewicht ist. Weil hier der Zeitablauf einfach auf einen winzigen
Moment zusammengedampft wird, nennt man dies die statische
Interpretation. Letztlich ist dies ein Kunstgriff, um bei einem
Einmalspiel bleiben zu können und nicht ein wiederholtes Spiel
untersuchen zu müssen (das viel komplizierter wäre).
Bevor wir uns ansehen, wie wichtig dieser Kunstgriff in diesem Fall
ist, müssen wir aber noch einen Blick auf die weiteren Konsequenzen
werfen. Denn wenn nun die Spieler schon bei der ersten Analyse der
Situation erkennen, dass sie sich in einem Bertrand-Wettbewerb befinden
und am Ende im besten Fall mit einem Nullgewinn dastehen werden, dann gibt
es ein neues Problem: Saturn war schließlich zuerst allein da und Mars
kam erst nach einiger Zeit hinzu. Wenn die Mars-Manager also tatsächlich
so rational sind, dann müssten sie sofort erkennen was passiert und
dürften nur einen Schluss ziehen: dem Markt fernzubleiben. Denn obwohl er
für einen einzelnen Anbieter einen komfortablen Gewinn ermöglicht,
führt er bei nur zwei Anbietern zu einer Situation ohne Gewinn und
vielleicht sogar mit Verlust, weil die Fixkosten nicht gedeckt werden.
Wenn wir also auf die statische Analyse übergehen, dann muss auch
wirklich alles statisch werden und beide Anbieter müssen schon von Anfang
an einfach da sein, denn ein zweiter würde sich nicht mehr trauen,
dazuzustoßen. Das wäre dann ein schönes Beispiel für einen First-Mover-Advantage.
Das wiederholte Spiel
Was passiert nun, wenn man sich statt der Abkürzung über die
statische Analyse auf das wiederholte Spiel einlässt? Erstaunlicherweise
nicht so viel, wie man erwarten würde. Zumindest dann, wenn die Anzahl
der Wiederholungen endlich ist. Denn wenn es irgendeine letzte Runde gibt,
dann gelten dort definitiv die Regeln des Einmalspiels, das wir oben
analysiert haben: dort gibt es nur das eine Gleichgewicht bei dem alle
Waren zum Einstandspreis verkauft werden (innerhalb einer Periode behalte
ich die statische Analyse bei). Wenn aber die Lösung für die letzte
Runde bekannt ist, dann ist strategisch gesehen die vorletzte Runde die
letzte. Allerdings gilt dann für diese Runde das gleiche, was für eine
letzte Runde nun einmal gilt, nämlich dass es nur das eine
Nash-Gleichgewicht gibt. Wodurch die vorvorletzte Runde zur strategisch
letzten wird und so weiter. Somit setzt sich diese Rückwärtsinduktion
bis nach ganz vorn fort und alles bleibt beim alten.
Falls Sie das jetzt paradox finden, sind Sie nicht der erste, der das
so sieht. Schon Reinhard Selten, auf den diese Argumentation der
Rückwärtsinduktion zurückgeht
und der dafür immerhin den Nobelpreis bekommen hat, hat eine ähnliche
Situation als das Chain-Store-Paradox bezeichnet. Das Paradoxe besteht
darin, dass eine völlig vernünftige Argumentation zu einem höchst
unvernünftigen Ergebnis führt; denn wieso sollten die beiden
Konkurrenten im wiederholten Spiel nicht wenigstens versuchen zu
kooperieren, nur weil sie irgendwann in der fernen Zukunft einmal eine
letzte Runde spielen werden, in der sie garantiert nicht mehr
kooperieren?
Sollten wir nicht viel mehr vermuten, dass sie eine komplexere
Strategie verfolgen und ihrem jeweiligen Konkurrenten anbieten, die Preise
nicht zu senken in der Hoffnung, dass dieser es auch nicht tun wird? Da
sie ja (die Wettbewerbshüter lassen grüßen) nicht miteinander sprechen
dürfen, können sie dieses Angebot natürlich nur indirekt machen, indem
sie ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen. Das sollte etwas möglichst
leicht Verständliches sein, zum Beispiel immer denselben Preis zu setzen
wie der Konkurrent in der Vorrunde (die laufende Runde muss ja unabhängig
entschieden werden, daher kennt man den Preis des anderen noch nicht,
während man den eigenen festlegt). Im Zusammenhang mit dem berühmten Gefangenendilemma
ist diese Strategie als Tit for Tat ("wie du mir, so ich dir")
bekannt geworden. Ich schreibe dazu noch einmal an anderer Stelle etwas,
weil das ein etwas längeres Thema ist. Aber hier schon einmal so
viel:
Wenn der andere diese Strategie versteht, dann sieht er sehr schnell,
dass er den höchsten Gewinn macht, indem er einfach den hohen
Monopolpreis verlangt und sich mit dem Tit-for-Tat-Spieler den Markt
teilt. Es gibt nur ein Problem: Tit for Tat mag zwar auf lange Sicht zu
einem hohen Gewinn führen, weil es den anderen dazu bringt, den hohen
Preis zu verlangen, aber wer sagt, dass der Tit-for-Tat-Spieler
tatsächlich ein Interesse hat, bei dieser Strategie zu bleiben? Indem ein
Spieler Tit for Tat spielt, beraubt er sich der Möglichkeit, während des
Spielablaufs noch flexibel anders reagieren zu können.
Kann er das? Will er das? Hier geraten wir unversehens in eine
philosophische Diskussion. Denn bei der Frage, ob er es kann, müssen wir
klären, wer eigentlich ein Spieler ist: eine durchgehende Identität oder
eine, die sich im Zeitablauf ständig ändert. Wie dieser Unterschied
aussieht, können Sie in meinem Beitrag über Rauchen
und Kinderwunsch nachlesen; und ob er es will, ist die Frage danach,
ob ein Wahlrecht
negativ sein kann.
Zumindest die zweite Frage lässt sich hier recht klar beantworten: In
der Tat wollen sich hier die beiden Spieler auf eine Strategie wie
Tit for Tat festlegen, denn damit können sie ja die für sie schädliche
Wirkung des Betrand-Wettbewerbs vermeiden.
Ob sie es auch können, ist eine Frage der Selbstbindungskraft.
Ohne weiteren Trick können sie es zunächst einmal nicht, weil ja die
Rückwärtsinduktion greift. Weil sie sich für die letzte Runde
nicht festlegen wollen (bzw. können), können sie es auch für keine vorangegangene. Um
die Beschränkung auf Tit for Tat zu ermöglichen, müssten sie sich einen
Mechanismus schaffen, der sie bindet. Wenn es möglich wäre, dann würden
sie zum Beispiel einen Vertrag mit einem Dritten abschließen, in dem sie
sich verpflichten, eine Strafe zu zahlen, wenn sie von Tit for Tat
abweichen. Konkret auf die Situation von Saturn und Mars angewandt hieße
das, eine Strafe zu zahlen, falls sie versuchen, den anderen zu
unterbieten.
Zum Beispiel könnten sie einen derartige Vertrag mit den Kunden
schließen und genau das tun sie mit der Niedrigstpreisgarantie. Sie hat exakt
die Wirkung des Vertrags von eben. Wann immer einer einen geringeren Preis
setzt als der andere, dann zahlt er dafür eine Strafe in Form eines
geringeren Preises bei gleichem Marktanteil (weil der andere ja zeitgleich
nachzieht). Die Niedrigstpreisgarantie ist also nichts anderes als ein
Mittel zur Selbstbindung im wiederholten Spiel.
Und was kommt jetzt raus?
Die Niedrigstpreisgarantie ist im wiederholten Spiel ein Mittel zur
Selbstbindung der beiden Spieler, die mit den Wettbewerbsregeln vereinbar
ist. Im Einmalspiel ist sie eine Form der Kommunikation zwischen den
Konkurrenten, die ebenfalls legal ist.
Die Wirkung ist nach beiden Formen der Analyse gleich: die
beiden Konkurrenten bilden ein Preis-Kartell.
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Gefallen Ihnen meine Analysen? Falls ja, dann möchten Sie mich
vielleicht unterstützen, indem Sie mein Spieltheorie-Buch
kaufen.
________________________ [1] Mein Beitrag bezieht
sich nicht wirklich auf die beiden Märkte Saturn und Media-Markt, sondern auf
eine vereinfachte Situation, um besser auf den Kern kommen zu können. Bei
Saturn und Media wird der Fall dadurch erschwert, dass beide zum selben
Konzern gehören, nämlich zur Metro-Gruppe. Außerdem sind die
beiden Märkte zwar nicht so super-billig wie ihre Werbung gern behauptet,
aber so schlecht sieht es auch wieder nicht aus, zumindest laut einer Studie
von Thomas Roeb, einem Professor an der Fachhochschule
Bonn-Rhein-Sieg, der Anfang 2005 die Preise bei mehreren großen
Elektronikmärkten untersucht hat. Er kam zum Ergebnis, dass Saturn und
Media-Markt ca. 3% unter dem Branchenschnitt liegen. Das klingt zwar nicht
so viel wie die Werbung nahelegt, ist aber für eine Branche wie diese gar
nicht so schlecht. Laut der Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung sind die beiden oft teurer
als andere Anbieter, aber es fließt dort nicht mit ein, dass die Auswahl
bei Saturn viel größer ist als zum Beispiel bei Karstadt und dass man
bei Saturn viele der Geräte vor Ort ausprobieren kann, was einem andere
Händler nicht erlauben. Anders formuliert: Die angebotenen Produkte sind
nicht "homogen", sondern unterscheiden sich zwischen den
Märkten, weil ein Produkt mit der Möglichkeit zum Ausprobieren etwas
anderes ist als eines ohne diese Möglichkeit. Und zudem sind die
Niedrigstpreisgarantien zwar formal vorhanden und würden wohl auch
eingehalten, aber natürlich sind die Transaktionskosten für den Käufer
verhältnismäßig hoch, die Garantie tatsächlich in Anspruch zu nehmen. [2]
In Amerika führt es sogar zu Freiheitsstrafen.
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