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Bitte verlassen Sie die Toiletten so,
wie Sie sie vorzufinden wünschen.
(Schild des Platzwartes auf einem Campingplatz)
Geh ein Stückchen näher ran,
der nächste könnte barfuß sein.
(Graffiti auf einer Herrentoilette)
Wieso sind Herrentoiletten eigentlich immer so
dreckig? Könnten nicht einfach alle ein wenig näher heran gehen und
damit das Problem völlig vermeiden? Dann wäre doch allen geholfen.
Stimmt schon - aber...
Was hat denn der Einzelne davon, näher ans Urinal heranzugehen? Im
besten Fall, dass der Nächste keine nassen (wenn es nur das wäre) Füße
bekommt. Im schlechteren Fall, dass er selbst im Urin seines Vorgängers
steht, den er nicht ohne genauere Untersuchung des Fußbodens entdecken
würde. Das ist besonders dann schlimm, wenn man in jedem Fall barfuß vor
dem Urinal stehen muss (zum Beispiel im Schwimmbad).
Gleichgültig, ob der Vorgänger schon zu weit weg stand oder nicht:
Man fährt immer besser, wenn man nicht zu nah heran geht (die eingehende
Inspektion des Bodens ist schon aufwendiger als einfach einen Schritt
Abstand zu halten). Es ist eine dominante Strategie, Abstand zu halten.
Und wenn es für alle eine dominante
Strategie ist, das zu wählen, was sie kollektiv lieber nicht wählen
würden, dann nennt man das ein soziales Dilemma dessen wohl
bekanntes Variante das Gefangenendilemma
ist. Genau
so verhalten sich die Besucher der Herrentoiletten auch.
John Nash auf der
Damentoilette
Bitte beeilen Sie sich auf den Toiletten so,
wie Sie es von den anderen Benutzerinnen wünschen.
(Nicht vorhandenes Schild des Platzwartes
auf einem Campingplatz)
Bis 2008 hatte ich noch die Vermutung, Damentoiletten seien sauberer als Herrentoiletten;
das scheint aber nicht mehr zu gelten. Wie Sie ganz unten nachlesen
können, arbeite ich gerade an einem Projekt, in dem wir das Verhalten auf
Toiletten erforschen, und da zeichnet sich ab, dass Damentoiletten sogar
dreckiger sind. Das scheint aber ein Generationenproblem zu sein: Bei
älteren BenutzerInnen sind eventuell die Damentoiletten sauberer, wobei
bei eher jüngeren BenutzerInnen sich abzeichnet, dass die Damentoiletten
deutlich verschmutzter sind. Genaueres kann ich Ihnen nach Abschluss
meiner Forschungen berichten.
Bis dahin lesen Sie den folgenden Text einmal unter der Voraussetzung,
dass wir es mit sauberen Damen zu tun haben, die ihre Toiletten sauberer
halten als Männer - was zumindest nicht wirklich überraschen würde, denn
bei Frauen gibt es nicht das eben
beschriebene Dilemma des Abstands zur Toilettenschüssel. Das dortige
Dilemma steht dagegen vor der Tür: es ist die allgegenwärtige
Warteschlange vor der Toilette, weil die einzelnen Kabinen endlos lange
besetzt bleiben. Das ärgert zwar jede Toilettenbenutzerin, solange sie
warten muss, aber wenn sie erst einmal drin ist, dann hat sie ja nichts
mehr davon, schnell zu sein und macht folglich langsam.
Als kritische Leserin werden an dieser Stelle sicherlich vermuten, es
gebe bei Frauen eine rein anatomische Begründung dafür, dass es länger
dauert - aber das trifft nicht zu. Ich habe dazu einen (unpublizierten)
Versuch gemacht: Wenn sich Frauen anstrengen schnell zu sein, dann sind
sie eher etwas früher wieder aus der Toilette heraus als Männer. Der
Grund ist einfach: Die Zeit, die Männer einsparen, weil sie sich keine
Hose herunterziehen müssen, wird mehr als aufgewogen, weil bei ihnen die
Durchflussmenge geringer ist (fragen Sie einen Urologen).
Es liegt also nicht an der Anatomie. Sondern daran, dass die hohe
Geschwindigkeit mit mehr Aufwand verbunden ist - genauso wie bei den
Männern, für die es ein zusätzlicher Aufwand wäre, zunächst den Boden
zu prüfen, bevor sie entscheiden, ob sie näher herangehen oder
nicht. John Nash ist also auch auf der Damentoilette.
Kooperative Spieltheorie auf der Toilette
Womit wir eine wundervolle Begründung dafür haben, dass es in
Deutschland in fast allen öffentlichen Gebäuden einschließlich
Gaststätten eine nach Geschlechtern getrennte Toilette geben muss: Bei
Unisex-Toiletten (die zum Beispiel in Skandinavien oder den USA verbreitet
sind) hätten alle BesucherInnen dreckige Toiletten mit langen
Wartezeiten. Bei uns hat man wenigstens nur das eine oder das
andere.
Gibt es eigentlich eine Begründung für ein Unisex-System?
In Skandinavien gibt es eine unausgesproche: Es
wäre doch "ungerecht", wenn die Männer kürzer warten müssten
als die Frauen, nur weil es Männer sind. Man muss doch die sozialen
Kosten auf alle Gesellschaftsmitglieder verteilen!
Sehen wir uns dieses Argument etwas genauer an. Beim Übergang von
getrennten Toiletten zu Unisex-Toiletten verschlechtern sich die Männer
auf jeden Fall: Die Toiletten werden nicht sauberer, aber die Wartezeiten
werden für sie länger. - Bei den Frauen scheint es einen Vor- und einen
Nachteil zu geben: Die Toiletten werden zwar dreckiger, aber die
Wartezeiten kürzer, weil jetzt ja die schnellen Männer dazukommen. Man
kann natürlich nicht wissen, ob es einer individuellen Frau lieber ist,
auf einer sauberen Toilette lang zu warten oder auf einer dreckigen
schnell dranzukommen - es liegt hier keine Dominanzbeziehung
zwischen den beiden Alternativen vor. Dennoch halte ich es für ziemlich
sicher, dass die meisten Frauen die schnellen dreckigen Toiletten
bestenfalls gleichgut finden werden.
Aber vermutlich würde es bei Unisex-Toiletten sogar zu langsamen,
dreckigen Toiletten kommen. Denn durch die einzelnen Kabinen wären die Männer ja in der gleichen Situation wie die Frauen und
würden dadurch ebenfalls langsam. Dass das so ist,
können Sie leicht an derzeit schon vorhandenen Unisex-Toiletten sehen:
Männer setzen sich nicht etwa (ist ja zu dreckig), brauchen aber trotzdem
sehr viel länger als am offenen Urinal.
Folglich verschlechtern sich beide Gruppen gegenüber dem Zustand von
vorher; im besten Fall bleibt es für die Frauen gleichgut und für die
Männer schlechter. Und damit ist das Gerechtigkeits-Argument ad absurdum geführt:
Jetzt geht es zwar beiden Gruppen gleich, aber eben gleich schlecht. Es
wurden hier nicht etwa soziale Lasten "gerecht" verteilt,
sondern neu geschaffen.
Damit sind wir bei einem Aspekt aus der kooperativen
Spieltheorie. In diesem Teilbereich der Spieltheorie wird untersucht,
was herauskommen kann, wenn die Spieler auf jeden Fall alles unter sich
aufteilen, was es aufzuteilen gibt. Bei Unisex-Toiletten tun sie das
offensichtlich nicht: Indem wir die Geschlechter auf der Toilette nicht
trennen, erhalten wir einen Zustand, bei dem wir mindestens einen von
beiden besser stellen könnten, ohne den anderen schlechter stellen zu
müssen. In der kooperativen Spieltheorie tut man so, als sei es
garantiert, dass man immer derartige Lösungen erreicht. Das geht zum
Beispiel, indem man sich vorher zusammensetzt, dabei den Zustand
ausarbeitet, der den Gesamtertrag für alle Teilenehmer maximiert, diesen
unter den Teilenehmern aufteilt und anschließend einen Vertrag (oder ein
Gesetz) abschließt, der sicherstellt, dass genau diese Lösung auch von
allen gespielt wird. Einen solchen Vertrag haben wir in Deutschland für
die Toiletten.
In der nichtkooperativen Spieltheorie ist das etwas komplizierter. Dort
wird die Situation untersucht, in der sich die Spieler nicht vorher
zusammensetzen können und erst recht keine Verträge über das Verhalten
im Spiel schließen können. Daher kann es dort leicht passieren, dass die
Spieler aus ihrer Froschperspektive heraus diesen effizienten Zustand
nicht erreichen können, obwohl sie ihn vielleicht sogar sehen und
erstrebenswert finden. Damit es nicht so kommt, versuchen wir uns Gesetze
auszudenken, die das verhindern. Zumindest bei den getrennten Toiletten
hat das auch funktioniert.
Und wer zahlt die Zeche?
Ehe Sie in voreilige Euphorie ausbrechen und sich freuen, dass wir hier
durch eine Vorschrift sozusagen aus dem Nichts alle Beteiligten besser
stellen können als ohne die Vorschrift, sollten wir uns noch einen
weiteren Aspekt ansehen: den der Kosten für die Toiletten.
Denn um die Toiletten trennen zu können braucht man offensichtlich
mindestens zwei Toiletten und zwei Räume. Das ist teurer als wenn es nur
einen Raum gäbe. In einem Kino oder einer Universität müssen ohnehin
recht viele Toiletten vorhanden sein, daher dürfte es dort nur einen sehr
geringen Kostenunterschied ausmachen. Aber bei kleinen Einheiten
kann dieser Unterschied deutlich zu Buche schlagen.
Waren Sie schon einmal in den USA oder auch in Italien im Restaurant
auf einer Toilette? Falls ja, dann haben Sie mit großer
Wahrscheinlichkeit vor einer einzelnen Kabine Schlange gestanden. Dort
ist mit Sicherheit der Kostenaspekt der Hauptgrund dafür, dass es meist überhaupt nur eine Toilette gibt, die dann
eben auch für beide Geschlechter gilt. Eine zweite Toilette einzuführen,
würde dort die Kosten deutlich steigen lassen.
Grund genug zu fragen, wer denn für die Toiletten in Gaststätten
eigentlich bezahlt. Wir nehmen als selbstverständlich hin, dass in
Deutschland jedes Restaurant eine Toilette hat, weil es eben Vorschrift
ist. Aber natürlich verursacht diese Vorschrift Kosten. Kosten, die in
irgendeiner Form auf die Speisen und Getränke umgelegt werden müssen.
Folglich bezahlen wir immer für den Komfort ausreichender Toiletten in
Form höherer Preise in Restaurants. Wollen wir das?
Schwer zu sagen. Die Erfahrungen in den Ländern ohne eine
entsprechende Vorschrift legen nahe, dass die Kunden nur wenig Wert auf
Toiletten legen. Oder wie oft haben Sie schon an einem Restaurant ein Werbeschild mit der
Aufschrift gesehen: "Auf 5 Tische eine Damen- und eine
Herrentoilette?"; wie oft haben Sie dagegen gesehen: "Voll
klimatisiert"? Dabei ist eine Klimaanlage sicherlich billiger als
eine Toilette. Offenbar ist die Toilette kein sehr wichtiges Argument für
die Kunden. Andererseits wünscht man sich in derartigen
Restaurants durchaus oft eine Vorschrift, auch wenn es dadurch - tja wieviel mehr
kosten würde?
Interessanterweise haben wir keine genaue Vorstellung davon, wieviel
wir für die Toiletten tatsächlich bezahlen. Vielleicht sind die Toiletten ein viel teurerer Spaß, als wir in
Deutschland denken? Vielleicht würden wir freiwillig 50 Cent für einen
Toilettenbesuch zahlen, aber die tatsächlichen Kosten sind 100 Cent, die
in den Döner eingerechnet sind? Leider kann man das nicht durch
reines Nachdenken herausfinden, sondern man müsste es empirisch
untersuchen. Falls das jemand gemacht hat, möge er mir bitte die
Ergebnisse schreiben (inzwischen hat das tatsächlich jemand getan - Sie
finden seine Erkenntnisse weiter unten). Falls es jemand machen möchte, indem er darüber
eine Diplom- bzw. Bachelorarbeit schreibt, dann möge er oder sie mir
bitte erst recht schreiben.
Und damit es nicht so aussieht, als ob ab hier schon alles ganz einfach
wäre, möchte ich noch einige weitere Punkte zu bedenken geben:
- Bei der jetzigen Konstruktion der Toilettenvorschrift zahlt jeder,
egal ob er die Toilette überhaupt benutzt und egal, ob er überhaupt
eine getrennte Toilette haben will. Das ist ähnlich, wie wenn jeder
Restaurantbesucher erst einmal eine Toilettensteuer zahlen muss, bevor
er das Restaurant betritt. Wieso lassen wir nicht nur diejenigen
zahlen, die die Toilette auch tatsächlich benutzen? Und wieso machen
wir es hier so, wogegen wir es bei der Bahn
anders machen?
- Welchen Einfluss hat es auf den Zustand der Toiletten, dass man
zwangsweise dafür bezahlen muss? Könnte es sein, dass sie dadurch
dreckiger sind als sie es wären, wenn man einzeln dafür bezahlen
müsste? Und könnte das der Grund dafür sein, dass hier der
"sozialistische" Ansatz gewählt wird, wogegen wir bei der
Bahn den Einzelzahler-Ansatz haben: weil wir schlechte Toiletten für
weniger schlimm halten als eine schlechte Bahn? Und falls das so ist,
wieso hat dann die Bahn trotzdem einen so katastrophalen
Service?
- Die Toilettenvorschrift ist de facto eine Vorschrift für einen
Mindestumsatz für das Restaurant: Erreicht ein Restaurant nicht den
Schwellwert zum Abdecken der Fixkosten (in denen die Toiletten
enthalten sind), dann muss es schließen. Sind vielleicht die wahren
Kosten der Toilettenvorschrift gar nicht der teurere Döner, sondern
die schlechtere Versorgung mit Restaurants? Oder entstehen die wahren
Kosten durch die erhöhte Arbeitslosenquote, weil einige verhinderte
Restaurantbetreiber jetzt arbeitslos sind, es aber ohne die Vorschrift
nicht wären?
- Oder ist es genau andersherum: Hätten die Restaurants ohne die
Vorschrift zu wenig Toiletten, sodass weniger Kunden in Restaurants
gingen und dadurch mehr Restaurantbesitzer arbeitslos würden und die
Versorgung mit Restaurants verschlechtert würde? (Ich bezweifele
diese Variante, weil es in den Ländern ohne Vorschrift keinen starken
Druck (außer vielleicht in der Blase) und keine hohe Zahlungsbereitschaft für eine gute
Toilettenversorgung zu geben scheint.)
- Die Toilettenvorschrift bezieht sich lediglich auf Gaststätten, in
denen es Sitzplätze gibt. Daher findet man manchmal reine
Stehrestaurants. Könnte es sein, dass die Vorschrift zu einer
Fastfood-Kultur führt oder zumindest zu einem Überangebot an
Stehrestaurants im Vergleich zu Sitzrestaurants?
Das ist Spieltheorie im Alltag. Wenn Sie die Antworten haben, schreiben
Sie sie mir.
Kleine Blase, hoher Druck und Packungsdichte
Antworten habe ich noch keine bekommen, aber ein Leser hat neue Fragen
aufgeworfen:
- Könnte es nicht sein, dass Frauen öfter auf die Toilette gehen
müssen als Männer? Dafür gibt es gute Gründe: Im weiblichen
Unterleib sind viel mehr Organe untergebracht im männlichen, folglich
ist die Blase kleiner. Zudem könnten Frauen einfach schon bei einem
geringeren Druck die Toilette aufsuchen (wollen oder müssen). Beides
führt zu einer größeren Nachfrage nach Toiletten, die die Schlangen
erklären könnten, auch ganz ohne John Nash.
- Auf Herrentoiletten sind die Urinale zusätzlich zu den
Sitz-Toiletten vorhanden. Dadurch entsteht eine höhere
Packungsdichte, durch die eine größere Menge Toilettenbesucher in
gleicher Zeit abgefertigt werden kann. Ebenfalls ein guter Punkt, der,
wenn er zutrifft, mein Argument überflüssig macht.
Fazit: Man braucht hier weitere empirische Untersuchungen, um die
beiden Punkte zu klären. Denn es sind keine theoretischen, sondern eben
empirische Argumente, die man daher nicht durch stilles Nachdenken im
Kämmerlein lösen kann, sondern nur durch Erforschen der wahren Welt.
Natürlich widerlegen beide Punkte nicht meine Argumente von oben, aber
sie machen sie im Extremfall überflüssig, weil man die beobachteten
Schlangen vor den Damentoiletten auf nicht-spieltheoretische Weise
erklären könnte.
Da Sie einen solche hässlichen Schlag gegen die Spieltheorie
sicherlich nicht einfach so hinnehmen möchten, biete ich an, dass Sie
dazu eine Diplom- oder Bachelorarbeit bei mir schreiben. (Ganz im Ernst:-)
Vorsorgliches Schlangestehen
Die Toilettengeschichte regt nach wie vor die Fantasie an. Ein weiterer
Leser vermutet, dass die Schlangen vor den Damentoiletten das Verhalten
der Toilettengängerinnen beeinflusst: Weil es dort ja immer so lange
dauert, könnten sie schon einmal "pro forma" gehen, damit es am
Ende nicht eng wird. Wenn das Viele so machen, dann erhöht sich durch
diese Verhaltensänderung die Toilettennutzung derart, dass die Schlangen
länger werden; und zwar deshalb, weil die Schlangen lang sind. Ein
Gleichgewicht.
In diesem Argument wird wahrlich spieltheoretisch gedacht (kein Wunder,
denn es stammt von einem Studenten, in dessen Vertiefungsfach die
Spieltheorie angewandt wird): Das Verhalten des einen Spielers verändert
das Verhalten des Anderen. Solange, bis ein Gleichgewicht entsteht. Hier
eben eines mit längeren Wartezeiten. Die Tatsache, dass sich die
Wartezeiten selbst auf einem hohen Wert stabilisieren, ist eine Anwendung
des Nash-Gleichgewichts
im Alltag.
Die Kosten einer Toilette - empirisch untersucht
Weiter oben wusste ich noch nicht, wie teuer so eine Toilette
eigentlich ist. Daher bin ich einem Leser dankbar, der mir folgende
Informationen dazu schrieb:
"Wie's der Teufel will, plane ich gerade gerade ein größeres Einzelhandelsgeschäft (ca. 1000 qm Verkaufsfläche) und stehe vor der Frage, ob ich mir vom Vermieter eine Kundentoilette einbauen lassen soll.
Die Kundentoilette ist für ein Einzelhandelsgeschäft keine Vorschrift. Ich kann also selbst entscheiden, ob ich sie haben will.
Die Erstellungs-Kosten der Toilette würde der Vermieter tragen, aber er würde die Kosten natürlich auf die Miete umlegen (sagen wir mal: 300 € pro Jahr).
Dazu kommen zusätzliche Putzkosten von ca. 500 € / Jahr.
Außerdem verliere ich Verkaufsfläche. Man sollte meinen, dass das bei 1.000 qm nicht so ins Gewicht fällt. Aber grundsätzlich zählt im Handel natürlich jeder Quadratmeter. Auf der Fläche der Toilette (4 qm) würde ich (selbst wenn ich irgendein "schlechtes Eck" dafür suche) mindestens 3.000 € Netto-Marge pro Jahr machen (bei gleichbleibenden Fixkosten).
Insgesamt verursacht eine Toilette also Kosten von rund 4.000 €.
Pro Jahr rechne ich mit ca. 80.000 zahlenden Kunden.
Pro Kunde verursacht die Toilette somit Kosten von ca. 5 Cent.
(Nota bene: Es geht hier immer nur um EINE Toilette - ein Gastronomiebetrieb braucht natürlich mehrere).
Maximal 5% der Kunden nutzen die Toilette. Pro Toilettenbesuch gibt es somit mindestens 1 € Kosten.
Die Zahlungsbereitschaft der Kunden für so einen Service liegt sicher niedriger. Man könnte somit argumentieren, dass eine Kundentoilette nicht effizient ist.
Ich werde die Toilette übrigens trotzdem einbauen lassen.
Gepflegte Kunden-Toiletten sind durchaus ein gewisses Profilierungsinstrument und verlängern die Aufenthaltsdauer im Laden."
Ich habe zunächst vermutet, dass bei einem Restaurant die Netto-Marge
kleiner ist als bei einem Einzelhandelsgeschäft, aber da muss ich mich
eines Besseren belehren lassen, denn derselbe Leser schrieb mir:
"Bei der Anmietung von kleineren Ladenlokalen bin ich öfter mal in
Konkurrenz zu Cafés. In aller Regel liegt deren Zahlungsbereitschaft über
meiner, d.h. die Erträge, die ein Café aus einem Quadratmeter ziehen kann, liegen
höher als meine. Da Cafés zudem häufig relativ kleine Flächen haben, fällt prozentual eine
Kundentoilette somit auch deutlich stärker ins Gewicht."
Höchst interessant, finden Sie nicht? Die Kundentoiletten sind
offenbar ein viel teurerer Spaß, als wir uns gemeinhin klarmachen. Wenn
wir berücksichtigen, dass eine Toilette im Restaurant höhere "Verdrängkungskosten"
hat, mehrere Toiletten vorgeschrieben sind und diese relativ zur
Verkaufsfläche viel größer sind, dann sind die Kosten pro
Toilettenbenutzer offenbar im Bereich mehrer Euro, wahrscheinlich sogar im
zweistelligen Bereich.
Per Gesetz zu über 10 Euro für einen Toilettenbesuch - mir scheint,
die ausstehende Diplomarbeit wird immer interessanter, oder?
Rivalisierende Frauen und unsichtbare Männer
Das Thema Toilette beschäftigt die Menschheit offenbar mehr als man
allgemein denkt, denn ich bekomme immer wieder interessante Zuschriften.
Eine besonders originelle Idee schickte mir Stefan Droste in folgender Mail (die ich hier in
leicht redigierter Form wiedergebe. Ich zitiere:
<<< Damentoiletten sind angeblich sauberer als Herrentoiletten >>>
Meine Lebenserfahrung besagt genau das Gegenteil. Fragen Sie mal bei Gastwirten und Diskothekenbesitzern nach.
Auf Damentoiletten wird auf den Rand geschi... oder soviel Toilettenpapier in den Abfluss gesteckt, bis das Becken verstopft ist,
um danach die Wasserspülung zu betätigen, bis das Becken überläuft.
Meines Erachtens handelt hierbei zum Teil um ein Konkurrenzverhalten oder Rachegelüste.
Konkurrenzverhalten: Verschmutze ich die Toiletten, geht die Konkurrentin nach Hause.
Rachegelüste: Die Bedienung war nicht freundlich genug. Der zeig' ich es jetzt:-)
Meine persönliche Meinung und Erfahrung: Männer sind sauberer als Frauen.
Durch urzeitliche Instinkte gilt meine Erachtens folgendes: Männer pinkeln zwar mal daneben, aber hinterlassen ansonsten keine Spuren.
Sie dürfen Ihre Anwesenheit durch Hinterlassenschaften nicht verraten, sonst ist die Beute weg.
Frauen erhalten eine höheren sozialen Stellewert, je anwesender sie sind. Das bedeutet, je mehr Platz sie belegen und je mehr Dreck
sie machen dürfen, desto besser für sie. <Zitat Ende.>
Ich glaube nicht an diese Theorie, halte sie aber für interessant
genug, sie Ihnen hier einmal vorzustellen. Was ich noch nicht glaube:
Wieso sollten Frauen stärker konkurrieren als Männer? Kennzeichnen nicht
männliche Tiere ihr Revier mit Urin? Und dann: Sind Damentoiletten
wirklich dreckiger als Herrentoiletten? Vielleicht ist meine Stichprobe zu
klein oder verzerrt, aber die Restaurantbesitzer, die ich gefragt habe, sind anderer
Meinung. Nichtsdestotrotz: Das Angebot mit der Diplomarbeit bleibt
bestehen, der Stoff wird immer mehr. (Wieso ist das Interesse eigentlich
so groß an diesem Thema, und trotzdem traut sich keiner, eine seriöse
Arbeit darüber zu schreiben? Oder lesen ausgerechnet meine eigenen
Studenten hier etwa nicht mit? Vielleicht brüten sie ja auch gerade alle
über dem Buch Coopetition,
weil sie sich eher für Spieltheorie im Geschäftsleben interessieren als
im Alltag.)
Neues von der Toilettenforschung
Inzwischen bereite ich tatsächlich ein genaueres Projekt zur
Erforschung des Verhaltens auf öffentlichen Toiletten vor. Insbesondere
soll darin geklärt werden, wer denn nun sauberer ist: Männer oder
Frauen. Eine Vorstudie dazu ist gerade in Arbeit. Darin sind wir mit
Erhebungsbögen durch Damen- und Herrentoiletten gegangen und haben nach
möglichst eindeutigen Kriterien die Sauberkeit erhoben. Wenn die Methode
hierzu genau steht, dann werden wir das in den kommenden Monaten
systematischer machen. Aber als erstes Ergebnis zeichnet sich schon in der
Vorstudie ein deutliches Ergebnis ab: Zumindest bei Benutzergruppen von
überwiegend unter 30-jährigen sind Damentoiletten deutlich verschmutzter
als Herrentoiletten. Ich halte Sie auf dem Laufenden, wie es
weitergeht.
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