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Version vom 09.06.2011
Erstversion vom 14.10.06

John Nash auf der Toilette

Bitte verlassen Sie die Toiletten so,
wie Sie sie vorzufinden wünschen.
(Schild des Platzwartes auf einem Campingplatz)

Geh ein Stückchen näher ran,
der nächste könnte barfuß sein.
(Graffiti auf einer Herrentoilette)

Wieso sind Herrentoiletten eigentlich immer so dreckig? Könnten nicht einfach alle ein wenig näher heran gehen und damit das Problem völlig vermeiden? Dann wäre doch allen geholfen. Stimmt schon – aber…

Was hat denn der Einzelne davon, näher ans Urinal heranzugehen? Im besten Fall, dass der Nächste keine nassen (wenn es nur das wäre) Füße bekommt. Im schlechteren Fall, dass er selbst im Urin seines Vorgängers steht, den er nicht ohne genauere Untersuchung des Fußbodens entdecken würde. Das ist besonders dann schlimm, wenn man in jedem Fall barfuß vor dem Urinal stehen muss (zum Beispiel im Schwimmbad).

Gleichgültig, ob der Vorgänger schon zu weit weg stand oder nicht: Man fährt immer besser, wenn man nicht zu nah heran geht (die eingehende Inspektion des Bodens ist schon aufwendiger als einfach einen Schritt Abstand zu halten). Es ist eine dominante Strategie, Abstand zu halten.

Und wenn es für alle eine dominante Strategie ist, das zu wählen, was sie kollektiv lieber nicht wählen würden, dann nennt man das ein soziales Dilemma dessen wohl bekanntes Variante das Gefangenendilemma ist. Genau so verhalten sich die Besucher der Herrentoiletten auch.

John Nash auf der Damentoilette

Bitte beeilen Sie sich auf den Toiletten so,
wie Sie es von den anderen Benutzerinnen wünschen.
(Nicht vorhandenes Schild des Platzwartes
auf einem Campingplatz)

Bis 2008 hatte ich noch die Vermutung, Damentoiletten seien sauberer als Herrentoiletten; das scheint aber nicht mehr zu gelten. Wie Sie ganz unten nachlesen können, arbeite ich gerade an einem Projekt, in dem wir das Verhalten auf Toiletten erforschen, und da zeichnet sich ab, dass Damentoiletten sogar dreckiger sind. Das scheint aber ein Generationenproblem zu sein: Bei älteren BenutzerInnen sind eventuell die Damentoiletten sauberer, wobei bei eher jüngeren BenutzerInnen sich abzeichnet, dass die Damentoiletten deutlich verschmutzter sind. Genaueres kann ich Ihnen nach Abschluss meiner Forschungen berichten.

Bis dahin lesen Sie den folgenden Text einmal unter der Voraussetzung, dass wir es mit sauberen Damen zu tun haben, die ihre Toiletten sauberer halten als Männer – was zumindest nicht wirklich überraschen würde, denn bei Frauen gibt es nicht das eben beschriebene Dilemma des Abstands zur Toilettenschüssel. Das dortige Dilemma steht dagegen vor der Tür: es ist die allgegenwärtige Warteschlange vor der Toilette, weil die einzelnen Kabinen endlos lange besetzt bleiben. Das ärgert zwar jede Toilettenbenutzerin, solange sie warten muss, aber wenn sie erst einmal drin ist, dann hat sie ja nichts mehr davon, schnell zu sein und macht folglich langsam.

Als kritische Leserin werden an dieser Stelle sicherlich vermuten, es gebe bei Frauen eine rein anatomische Begründung dafür, dass es länger dauert – aber das trifft nicht zu. Ich habe dazu einen (unpublizierten) Versuch gemacht: Wenn sich Frauen anstrengen schnell zu sein, dann sind sie eher etwas früher wieder aus der Toilette heraus als Männer. Der Grund ist einfach: Die Zeit, die Männer einsparen, weil sie sich keine Hose herunterziehen müssen, wird mehr als aufgewogen, weil bei ihnen die Durchflussmenge geringer ist (fragen Sie einen Urologen).

Es liegt also nicht an der Anatomie. Sondern daran, dass die hohe Geschwindigkeit mit mehr Aufwand verbunden ist – genauso wie bei den Männern, für die es ein zusätzlicher Aufwand wäre, zunächst den Boden zu  prüfen, bevor sie entscheiden, ob sie näher herangehen oder nicht. John Nash ist also auch auf der Damentoilette.

Kooperative Spieltheorie auf der Toilette

Womit wir eine wundervolle Begründung dafür haben, dass es in Deutschland in fast allen öffentlichen Gebäuden einschließlich Gaststätten eine nach Geschlechtern getrennte Toilette geben muss: Bei Unisex-Toiletten (die zum Beispiel in Skandinavien oder den USA verbreitet sind) hätten alle BesucherInnen dreckige Toiletten mit langen Wartezeiten. Bei uns hat man wenigstens nur das eine oder das andere.

Gibt es eigentlich eine Begründung für ein Unisex-System? In Skandinavien gibt es eine unausgesprochene: Es wäre doch „ungerecht“, wenn die Männer kürzer warten müssten als die Frauen, nur weil es Männer sind. Man muss doch die sozialen Kosten auf alle Gesellschaftsmitglieder verteilen!

Sehen wir uns dieses Argument etwas genauer an. Beim Übergang von getrennten Toiletten zu Unisex-Toiletten verschlechtern sich die Männer auf jeden Fall: Die Toiletten werden nicht sauberer, aber die Wartezeiten werden für sie länger. – Bei den Frauen scheint es einen Vor- und einen Nachteil zu geben: Die Toiletten werden zwar dreckiger, aber die Wartezeiten kürzer, weil jetzt ja die schnellen Männer dazukommen. Man kann natürlich nicht wissen, ob es einer individuellen Frau lieber ist, auf einer sauberen Toilette lang zu warten oder auf einer dreckigen schnell dran zukommen – es liegt hier keine Dominanzbeziehung zwischen den beiden Alternativen vor. Dennoch halte ich es für ziemlich sicher, dass die meisten Frauen die schnellen dreckigen Toiletten bestenfalls gleichgut finden werden.

Aber vermutlich würde es bei Unisex-Toiletten sogar zu langsamen, dreckigen Toiletten kommen. Denn durch die einzelnen Kabinen wären die Männer ja in der gleichen Situation wie die Frauen und würden dadurch ebenfalls langsam. Dass das so ist, können Sie leicht an derzeit schon vorhandenen Unisex-Toiletten sehen: Männer setzen sich nicht etwa (ist ja zu dreckig), brauchen aber trotzdem sehr viel länger als am offenen Urinal.

Folglich verschlechtern sich beide Gruppen gegenüber dem Zustand von vorher; im besten Fall bleibt es für die Frauen gleichgut und für die Männer schlechter. Und damit ist das Gerechtigkeits-Argument ad absurdum geführt: Jetzt geht es zwar beiden Gruppen gleich, aber eben gleich schlecht. Es wurden hier nicht etwa soziale Lasten „gerecht“ verteilt, sondern neu geschaffen.

Damit sind wir bei einem Aspekt aus der kooperativen Spieltheorie. In diesem Teilbereich der Spieltheorie wird untersucht, was herauskommen kann, wenn die Spieler auf jeden Fall alles unter sich aufteilen, was es aufzuteilen gibt. Bei Unisex-Toiletten tun sie das offensichtlich nicht: Indem wir die Geschlechter auf der Toilette nicht trennen, erhalten wir einen Zustand, bei dem wir mindestens einen von beiden besser stellen könnten, ohne den anderen schlechter stellen zu müssen. In der kooperativen Spieltheorie tut man so, als sei es garantiert, dass man immer derartige Lösungen erreicht. Das geht zum Beispiel, indem man sich vorher zusammensetzt, dabei den Zustand ausarbeitet, der den Gesamtertrag für alle Teilenehmer maximiert, diesen unter den Teilnehmern aufteilt und anschließend einen Vertrag (oder ein Gesetz) abschließt, der sicherstellt, dass genau diese Lösung auch von allen gespielt wird. Einen solchen Vertrag haben wir in Deutschland für die Toiletten.

In der nichtkooperativen Spieltheorie ist das etwas komplizierter. Dort wird die Situation untersucht, in der sich die Spieler nicht vorher zusammensetzen können und erst recht keine Verträge über das Verhalten im Spiel schließen können. Daher kann es dort leicht passieren, dass die Spieler aus ihrer Froschperspektive heraus diesen effizienten Zustand nicht erreichen können, obwohl sie ihn vielleicht sogar sehen und erstrebenswert finden. Damit es nicht so kommt, versuchen wir uns Gesetze auszudenken, die das verhindern. Zumindest bei den getrennten Toiletten hat das auch funktioniert.

Und wer zahlt die Zeche?

Ehe Sie in voreilige Euphorie ausbrechen und sich freuen, dass wir hier durch eine Vorschrift sozusagen aus dem Nichts alle Beteiligten besser stellen können als ohne die Vorschrift, sollten wir uns noch einen weiteren Aspekt ansehen: den der Kosten für die Toiletten.

Denn um die Toiletten trennen zu können braucht man offensichtlich mindestens zwei Toiletten und zwei Räume. Das ist teurer als wenn es nur einen Raum gäbe. In einem Kino oder einer Universität müssen ohnehin recht viele Toiletten vorhanden sein, daher dürfte es dort nur einen sehr geringen Kostenunterschied ausmachen. Aber bei kleinen Einheiten kann dieser Unterschied deutlich zu Buche schlagen.

Waren Sie schon einmal in den USA oder auch in Italien im Restaurant auf einer Toilette? Falls ja, dann haben Sie mit großer Wahrscheinlichkeit vor einer einzelnen Kabine Schlange gestanden. Dort ist mit Sicherheit der Kostenaspekt der Hauptgrund dafür, dass es meist überhaupt nur eine Toilette gibt, die dann eben auch für beide Geschlechter gilt. Eine zweite Toilette einzuführen, würde dort die Kosten deutlich steigen lassen.

Grund genug zu fragen, wer denn für die Toiletten in Gaststätten eigentlich bezahlt. Wir nehmen als selbstverständlich hin, dass in Deutschland jedes Restaurant eine Toilette hat, weil es eben Vorschrift ist. Aber natürlich verursacht diese Vorschrift Kosten. Kosten, die in irgendeiner Form auf die Speisen und Getränke umgelegt werden müssen. Folglich bezahlen wir immer für den Komfort ausreichender Toiletten in Form höherer Preise in Restaurants. Wollen wir das?

Schwer zu sagen. Die Erfahrungen in den Ländern ohne eine entsprechende Vorschrift legen nahe, dass die Kunden nur wenig Wert auf Toiletten legen. Oder wie oft haben Sie schon an einem Restaurant ein Werbeschild mit der Aufschrift gesehen: „Auf 5 Tische eine Damen- und eine Herrentoilette?“; wie oft haben Sie dagegen gesehen: „Voll klimatisiert“? Dabei ist eine Klimaanlage sicherlich billiger als eine Toilette. Offenbar ist die Toilette kein sehr wichtiges Argument für die Kunden. Andererseits wünscht man sich in derartigen Restaurants durchaus oft eine Vorschrift, auch wenn es dadurch – tja wieviel mehr kosten würde?

Interessanterweise haben wir keine genaue Vorstellung davon, wieviel wir für die Toiletten tatsächlich bezahlen. Vielleicht sind die Toiletten ein viel teurerer Spaß, als wir in Deutschland denken? Vielleicht würden wir freiwillig 50 Cent für einen Toilettenbesuch zahlen, aber die tatsächlichen Kosten sind 100 Cent, die in den Döner eingerechnet sind? Leider kann man das nicht durch reines Nachdenken herausfinden, sondern man müsste es empirisch untersuchen. Falls das jemand gemacht hat, möge er mir bitte die Ergebnisse schreiben (inzwischen hat das tatsächlich jemand getan – Sie finden seine Erkenntnisse weiter unten). Falls es jemand machen möchte, indem er darüber eine Diplom- bzw. Bachelorarbeit schreibt, dann möge er oder sie mir bitte erst recht schreiben.

Und damit es nicht so aussieht, als ob ab hier schon alles ganz einfach wäre, möchte ich noch einige weitere Punkte zu bedenken geben:

  1. Bei der jetzigen Konstruktion der Toilettenvorschrift zahlt jeder, egal ob er die Toilette überhaupt benutzt und egal, ob er überhaupt eine getrennte Toilette haben will. Das ist ähnlich, wie wenn jeder Restaurantbesucher erst einmal eine Toilettensteuer zahlen muss, bevor er das Restaurant betritt. Wieso lassen wir nicht nur diejenigen zahlen, die die Toilette auch tatsächlich benutzen? Und wieso machen wir es hier so, wogegen wir es bei der Bahn anders machen?
  2. Welchen Einfluss hat es auf den Zustand der Toiletten, dass man zwangsweise dafür bezahlen muss? Könnte es sein, dass sie dadurch dreckiger sind als sie es wären, wenn man einzeln dafür bezahlen müsste? Und könnte das der Grund dafür sein, dass hier der „sozialistische“ Ansatz gewählt wird, wogegen wir bei der Bahn den Einzelzahler-Ansatz haben: weil wir schlechte Toiletten für weniger schlimm halten als eine schlechte Bahn? Und falls das so ist, wieso hat dann die Bahn trotzdem einen so katastrophalen Service?
  3. Die Toilettenvorschrift ist de facto eine Vorschrift für einen Mindestumsatz für das Restaurant: Erreicht ein Restaurant nicht den Schwellwert zum Abdecken der Fixkosten (in denen die Toiletten enthalten sind), dann muss es schließen. Sind vielleicht die wahren Kosten der Toilettenvorschrift gar nicht der teurere Döner, sondern die schlechtere Versorgung mit Restaurants? Oder entstehen die wahren Kosten durch die erhöhte Arbeitslosenquote, weil einige verhinderte Restaurantbetreiber jetzt arbeitslos sind, es aber ohne die Vorschrift nicht wären?
  4. Oder ist es genau andersherum: Hätten die Restaurants ohne die Vorschrift zu wenig Toiletten, sodass weniger Kunden in Restaurants gingen und dadurch mehr Restaurantbesitzer arbeitslos würden und die Versorgung mit Restaurants verschlechtert würde? (Ich bezweifele diese Variante, weil es in den Ländern ohne Vorschrift keinen starken Druck (außer vielleicht in der Blase) und keine hohe Zahlungsbereitschaft für eine gute Toilettenversorgung zu geben scheint.)
  5. Die Toilettenvorschrift bezieht sich lediglich auf Gaststätten, in denen es Sitzplätze gibt. Daher findet man manchmal reine Stehrestaurants. Könnte es sein, dass die Vorschrift zu einer Fastfood-Kultur führt oder zumindest zu einem Überangebot an Stehrestaurants im Vergleich zu Sitzrestaurants?

Das ist Spieltheorie im Alltag. Wenn Sie die Antworten haben, schreiben Sie sie mir.

Kleine Blase, hoher Druck und Packungsdichte

Antworten habe ich noch keine bekommen, aber ein Leser hat neue Fragen aufgeworfen:

  1. Könnte es nicht sein, dass Frauen öfter auf die Toilette gehen müssen als Männer? Dafür gibt es gute Gründe: Im weiblichen Unterleib sind viel mehr Organe untergebracht im männlichen, folglich ist die Blase kleiner. Zudem könnten Frauen einfach schon bei einem geringeren Druck die Toilette aufsuchen (wollen oder müssen). Beides führt zu einer größeren Nachfrage nach Toiletten, die die Schlangen erklären könnten, auch ganz ohne John Nash.
  2. Auf Herrentoiletten sind die Urinale zusätzlich zu den Sitz-Toiletten vorhanden. Dadurch entsteht eine höhere Packungsdichte, durch die eine größere Menge Toilettenbesucher in gleicher Zeit abgefertigt werden kann. Ebenfalls ein guter Punkt, der, wenn er zutrifft, mein Argument überflüssig macht.

Fazit: Man braucht hier weitere empirische Untersuchungen, um die beiden Punkte zu klären. Denn es sind keine theoretischen, sondern eben empirische Argumente, die man daher nicht durch stilles Nachdenken im Kämmerlein lösen kann, sondern nur durch Erforschen der wahren Welt. Natürlich widerlegen beide Punkte nicht meine Argumente von oben, aber sie machen sie im Extremfall überflüssig, weil man die beobachteten Schlangen vor den Damentoiletten auf nicht-spieltheoretische Weise erklären könnte.

Da Sie einen solche hässlichen Schlag gegen die Spieltheorie sicherlich nicht einfach so hinnehmen möchten, biete ich an, dass Sie dazu eine Diplom- oder Bachelorarbeit bei mir schreiben. (Ganz im Ernst:-)

Vorsorgliches Schlangestehen

Die Toilettengeschichte regt nach wie vor die Fantasie an. Ein weiterer Leser vermutet, dass die Schlangen vor den Damentoiletten das Verhalten der Toilettengängerinnen beeinflusst: Weil es dort ja immer so lange dauert, könnten sie schon einmal „pro forma“ gehen, damit es am Ende nicht eng wird. Wenn das Viele so machen, dann erhöht sich durch diese Verhaltensänderung die Toilettennutzung derart, dass die Schlangen länger werden; und zwar deshalb, weil die Schlangen lang sind. Ein Gleichgewicht.

In diesem Argument wird wahrlich spieltheoretisch gedacht (kein Wunder, denn es stammt von einem Studenten, in dessen Vertiefungsfach die Spieltheorie angewandt wird): Das Verhalten des einen Spielers verändert das Verhalten des Anderen. Solange, bis ein Gleichgewicht entsteht. Hier eben eines mit längeren Wartezeiten. Die Tatsache, dass sich die Wartezeiten selbst auf einem hohen Wert stabilisieren, ist eine Anwendung des Nash-Gleichgewichts im Alltag.

Die Kosten einer Toilette – empirisch untersucht

Weiter oben wusste ich noch nicht, wie teuer so eine Toilette eigentlich ist. Daher bin ich einem Leser dankbar, der mir folgende Informationen dazu schrieb:

„Wie’s der Teufel will, plane ich gerade gerade ein größeres Einzelhandelsgeschäft (ca. 1000 qm Verkaufsfläche) und stehe vor der Frage, ob ich mir vom Vermieter eine Kundentoilette einbauen lassen soll.
Die Kundentoilette ist für ein Einzelhandelsgeschäft keine Vorschrift. Ich kann also selbst entscheiden, ob ich sie haben will.

Die Erstellungs-Kosten der Toilette würde der Vermieter tragen, aber er würde die Kosten natürlich auf die Miete umlegen (sagen wir mal: 300 € pro Jahr).
Dazu kommen zusätzliche Putzkosten von ca. 500 € / Jahr.
Außerdem verliere ich Verkaufsfläche. Man sollte meinen, dass das bei 1.000 qm nicht so ins Gewicht fällt. Aber grundsätzlich zählt im Handel natürlich jeder Quadratmeter. Auf der Fläche der Toilette (4 qm) würde ich (selbst wenn ich irgendein „schlechtes Eck“ dafür suche) mindestens 3.000 € Netto-Marge pro Jahr machen (bei gleichbleibenden Fixkosten).
Insgesamt verursacht eine Toilette also Kosten von rund 4.000 €.

Pro Jahr rechne ich mit ca. 80.000 zahlenden Kunden.
Pro Kunde verursacht die Toilette somit Kosten von ca. 5 Cent.
(Nota bene: Es geht hier immer nur um EINE Toilette – ein Gastronomiebetrieb braucht natürlich mehrere).
Maximal 5% der Kunden nutzen die Toilette. Pro Toilettenbesuch gibt es somit mindestens 1 € Kosten.
Die Zahlungsbereitschaft der Kunden für so einen Service liegt sicher niedriger. Man könnte somit argumentieren, dass eine Kundentoilette nicht effizient ist.

Ich werde die Toilette übrigens trotzdem einbauen lassen.
Gepflegte Kunden-Toiletten sind durchaus ein gewisses Profilierungsinstrument und verlängern die Aufenthaltsdauer im Laden.“

Ich habe zunächst vermutet, dass bei einem Restaurant die Netto-Marge kleiner ist als bei einem Einzelhandelsgeschäft, aber da muss ich mich eines Besseren belehren lassen, denn derselbe Leser schrieb mir:

„Bei der Anmietung von kleineren Ladenlokalen bin ich öfter mal in Konkurrenz zu Cafés. In aller Regel liegt deren Zahlungsbereitschaft über
meiner, d.h. die Erträge, die ein Café aus einem Quadratmeter ziehen kann, liegen höher als meine. Da Cafés zudem häufig relativ kleine Flächen haben, fällt prozentual eine Kundentoilette somit auch deutlich stärker ins Gewicht.“

Höchst interessant, finden Sie nicht? Die Kundentoiletten sind offenbar ein viel teurerer Spaß, als wir uns gemeinhin klarmachen. Wenn wir berücksichtigen, dass eine Toilette im Restaurant höhere „Verdrängkungskosten“ hat, mehrere Toiletten vorgeschrieben sind und diese relativ zur Verkaufsfläche viel größer sind, dann sind die Kosten pro Toilettenbenutzer offenbar im Bereich mehrer Euro, wahrscheinlich sogar im zweistelligen Bereich.

Per Gesetz zu über 10 Euro für einen Toilettenbesuch – mir scheint, die ausstehende Diplomarbeit wird immer interessanter, oder?

Rivalisierende Frauen und unsichtbare Männer

Das Thema Toilette beschäftigt die Menschheit offenbar mehr als man allgemein denkt, denn ich bekomme immer wieder interessante Zuschriften. Eine besonders originelle Idee schickte mir Stefan Droste in folgender Mail (die ich hier in leicht redigierter Form wiedergebe. Ich zitiere:

<<< Damentoiletten sind angeblich sauberer als Herrentoiletten >>> Meine Lebenserfahrung besagt genau das Gegenteil. Fragen Sie mal bei Gastwirten und Diskothekenbesitzern nach. Auf Damentoiletten wird auf den Rand geschi… oder soviel Toilettenpapier in den Abfluss gesteckt, bis das Becken verstopft ist, um danach die Wasserspülung zu betätigen, bis das Becken überläuft.

Meines Erachtens handelt hierbei zum Teil um ein Konkurrenzverhalten oder Rachegelüste. Konkurrenzverhalten: Verschmutze ich die Toiletten, geht die Konkurrentin nach Hause. Rachegelüste: Die Bedienung war nicht freundlich genug. Der zeig‘ ich es jetzt:-)

Meine persönliche Meinung und Erfahrung: Männer sind sauberer als Frauen. Durch urzeitliche Instinkte gilt meine Erachtens folgendes: Männer pinkeln zwar mal daneben, aber hinterlassen ansonsten keine Spuren. Sie dürfen Ihre Anwesenheit durch Hinterlassenschaften nicht verraten, sonst ist die Beute weg. Frauen erhalten eine höheren sozialen Stellewert, je anwesender sie sind. Das bedeutet, je mehr Platz sie belegen und je mehr Dreck sie machen dürfen, desto besser für sie. <Zitat Ende.>

 

Ich glaube nicht an diese Theorie, halte sie aber für interessant genug, sie Ihnen hier einmal vorzustellen. Was ich noch nicht glaube: Wieso sollten Frauen stärker konkurrieren als Männer? Kennzeichnen nicht männliche Tiere ihr Revier mit Urin? Und dann: Sind Damentoiletten wirklich dreckiger als Herrentoiletten? Vielleicht ist meine Stichprobe zu klein oder verzerrt, aber die Restaurantbesitzer, die ich gefragt habe, sind anderer Meinung. Nichtsdestotrotz: Das Angebot mit der  Diplomarbeit bleibt bestehen, der Stoff wird immer mehr. (Wieso ist das Interesse eigentlich so groß an diesem Thema, und trotzdem traut sich keiner, eine seriöse Arbeit darüber zu schreiben? Oder lesen ausgerechnet meine eigenen Studenten hier etwa nicht mit? Vielleicht brüten sie ja auch gerade alle über dem Buch Coopetition, weil sie sich eher für Spieltheorie im Geschäftsleben interessieren als im Alltag.)

Neues von der Toilettenforschung 

Inzwischen bereite ich tatsächlich ein genaueres Projekt zur Erforschung des Verhaltens auf öffentlichen Toiletten vor. Insbesondere soll darin geklärt werden, wer denn nun sauberer ist: Männer oder Frauen. Eine Vorstudie dazu ist gerade in Arbeit. Darin sind wir mit Erhebungsbögen durch Damen- und Herrentoiletten gegangen und haben nach möglichst eindeutigen Kriterien die Sauberkeit erhoben. Wenn die Methode hierzu genau steht, dann werden wir das in den kommenden Monaten systematischer machen. Aber als erstes Ergebnis zeichnet sich schon in der Vorstudie ein deutliches Ergebnis ab: Zumindest bei Benutzergruppen von überwiegend unter 30-jährigen sind Damentoiletten deutlich verschmutzter als Herrentoiletten. Ich halte Sie auf dem Laufenden, wie es weitergeht.

2 Gedanken zu „toilette

  1. Hallo lieber Herr Prof. Rieck,

    selten habe ich die Spieltheorie so praxisnah, nachvollziehbar humorvoll und doch so fundiert argumentiert erlebt wie hier auf diesen Seiten! Ein ganz dickes Lob von mir! Der Toilettenaspekt ist wirklich ein interessantes Thema und ich hoffe doch, dass inzwischen jemand eine Diplom- oder Bachelorarbeit dazu in Angriff genommen hat und Sie in Ihrer Forschung unterstützt.

    Ich werde die Seite und die Geschichte hier natürlich weiter verfolgen.

    Beste Grüße
    Jessica Striebel

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