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Spieltheorie ist Mathematik. Deshalb kommen viele
Besucher (oft LehrerInnen und SchülerInnen) auf meine Seite, um hier die
unmathematische Seite der Mathematik zu erleben. Lassen Sie mich deshalb
einmal der Frage nachgehen, wieso viele Menschen Mathematik "einfach
nicht verstehen" und was man dagegen tun kann.
Strukturen sind
die Waffen der Mathematiker.
(Nicolas Bourbaki, Autorenkollektiv)
Ein Inhalt wird dazu in
algebraische Formeln eingeschlossen,
damit man, indem man die Formel anwendet,
nicht hundertmal ein und dasselbe
wiederholen muss. (A. I. Herzen - wer immer das ist)
Meine Vermutung ist, dass das Schicksal schon in der
Grundschule seinen Lauf nimmt. Und zwar, weil dort unter dem Etikett der
Mathematik antimathematisches Denken gelehrt wird. Verstehen Sie mich
nicht falsch: Ich habe nichts gegen unmathematisches Denken. Genausowenig
wie gegen mathematisches Denken. Aber ich habe etwas dagegen, dass sich
die eine Form des Denkens dort einschleicht, wo die andere gelehrt werden
soll. Und bitte verstehen Sie mich auch ein zweites Mal nicht falsch: Ich
spreche hier nicht über schlechte LehrerInnen, sondern über ein
kulturell falsches Verständnis von Mathematik, das sich schon in der
Konstruktion der Lehrpläne und Schulbücher äußert.
Lassen Sie mich ein Beispiel geben. In einem
Mathematikbuch der zweiten Grundschulklasse (ich würde es nicht Mathe-,
sondern Rechenbuch nennen, aber lassen wir das hier beiseite) findet sich
folgender Aufgabentyp:
Ergänze bis zum nächsten Zehner:
5 +
= 10
7 +
= 10
usw.
Es ist klar, wozu man diese Aufgabe macht: Sie ist
eine wichtige Voraussetzung fürs Kopfrechnen und fürs schriftliche
Rechnen. Um schnell ohne Taschenrechner rechnen zu können, muss man auf
Anhieb auswendig wissen, wie weit eine Zahl vom "Zehnerübergang"
entfernt ist.
Blättern wir im Buch einige Seiten weiter. Die
Rechenaufgaben werden schwieriger, und irgendwo finden wir Aufgaben vom
Typ:
36 +
= 47
Das scheint das gleiche zu sein wie oben, also völlig
harmlos. Und dennoch liegt genau hier der Schlüssel für die
Volkskrankheit der (vermeintlichen) Mathematik-Unfähigkeit, die in
Deutschland geradezu endemisch verbreitet ist. (Etwa ein Drittel meiner
StudentInnen, die mit exzellenten Abiturnoten an die Hochschulen kommen,
haben eine ausgeprägte Mathematikunwissenheit und halten sich für
mathematisch unbegabt.) Wieso ist 36 +
= 47 keine harmlose Aufgabe? Weil es unmöglich ist, sie so zu lösen, wie
sie hier steht. Beim Zehnerübergang gibt es nur neun Fälle, die man alle
auswendig lernen kann (und auch sollte). Bei zweistelligen Zahlen wäre es
vollkommen unsinnig, alle Abstände auswendig zu lernen, daher braucht man
eine methodische Vorgehensweise, das Ergebnis auszurechnen. Das
methodische Vorgehen besteht in diesem Fall darin, dass man auf die
Gleichung einen Umformungsschritt anwendet, der das Kästchen freistellt
und dadurch eine einfache Anweisung gibt, wie man den Wert ausrechnet, der
dem
zugeordnet werden soll.
Das geht so: Wir wissen, dass man auf beiden Seiten
der Gleichung dieselbe Operation ausführen darf und dass dadurch die
Gleichheit nicht zerstört wird (zumindest bei der Addition funktioniert
das). Also ziehen wir auf beiden Seiten 36 ab und erhalten:
36
+
- 36 = 47-36
36 – 36 +
= 47-36 (Kommutativgesetz)
0 +
= 47-36
= 11
Lächerlich, stimmt's? Viel zu umständlich. Wir
wissen doch, dass man einfach 36 von 47 abziehen muss, wenn man den
Abstand zwischen den beiden Zahlen ausrechnen möchte. Deshalb lernen wir
in der Grundschule, dass man hier die "Umkehraufgabe" rechnen
muss. Also dass wir 47 minus 36 rechnen, wenn wir 36 +
= 47 lösen wollen. Wir lernen es als einen einzigen Rechenschritt – und
verbauen uns ab da den Vorteil der Mathematik. Schlimmer noch, verbauen
uns das Verständnis für Mathematik überhaupt.
Die methodische Vorgehensweise ist hier scheinbar überhaupt
nicht notwendig, weil die Lösung "offensichtlich" ist. Und
jetzt nehmen Sie bitte folgende Aufgabe: Peter wäscht das Auto seines
Nachbarn und bekommt dafür 3 Euro, anschließend kauft er sich ein Buch für
12 Euro und hat danach 17 Euro. Wieviel hatte er vorher?
Bitte rechen Sie das Ergebnis aus. Schreiben Sie
jetzt das Ergebnis auf ein Blatt Papier.
Schreiben Sie es bitte jetzt auf.
Stopp: Haben Sie es wirklich ausgerechnet? Schreiben
Sie den Zahlenwert bitte auf ein Blatt Papier vor sich und machen Sie sich
klar, wie Sie es ausgerechnet haben. (Ok, Sie wollen es nicht
aufschreiben. Aber glauben Sie mir: Es macht mehr Spaß, meine Texte auf
diese Art zu lesen.)
Ich verrate Ihnen etwas: Diese Aufgabe bringt etliche
deutsche gebildete Erwachsene in Schwierigkeiten. Denn sie wenden die
Methode an, das Ergebnis durch Nachdenken zu ermitteln. Wenn Peter danach
17 Euro hat und vorher 12 ausgegeben hat, dann muss er irgendwann 12 mehr
gehabt haben. Aber er hat drei Euro eingenommen, also muss er diese drei – ja: mehr? weniger? wovon mehr oder weniger? gehabt haben.
Mist. Die erste Zahl wieder vergessen. Nochmal: 17 und 12, äh, addieren,
macht 29, dann 3, wie war das, ach ja, abziehen, weil es ja andersherum
war als bei der 12, also wovon abziehen, ach ja die 29, also minus 3 also
26. Was war die Frage nochmal? Ach ja: Er hatte vorher 26 Euro. Uff.
Das muss gar nicht mal langsam sein, wenn es klappt
(was ein ernstzunehmendes Wenn ist.) Aber ein bisschen peinlich ist das
schon, oder? Woran liegt es, dass wir uns hier so anstellen? Die Antwort
gibt das Rechenbuch, das wir schon als Kind verwendet haben. Wir sind es
seitdem gewohnt, "einfach zu wissen", wie man ein Ergebnis
ausrechnet. Hätte Peter nur ein Buch gekauft und kein Auto gewaschen, wir
hätten sofort die fertige Lösung aus der Tasche gezogen und hätten
gesagt, klar, einfach die 12 zur 17 addieren und fertig ist die Lösung.
Schon in der Schule tausendmal gemacht. Siehe oben. Und deshalb lechzen
die Studenten in jeder Vorlesung nach einer "Formelsammlung",
weil sie denken, Mathematik sei das stupide Einsetzen von Zahlen in
Formeln, die man sich nicht merken kann, geschweige denn verstehen. Und
von denen man für jeden Fall eine eigene braucht.
Aber die einfachste Änderung in der Aufgabenstellung
macht die fertige Lösung zunichte. Sie wirft uns zurück in den Stand
eines Grundschülers, weil wir ohne die fertige Lösung in der Tasche
anfangen müssen zu überlegen. Wir müssen uns den Inhalt der
"Rechengeschichte" (so heißen Textaufgaben heute) klarmachen
und dann nachdenken.
Genau hier könnte uns die Mathematik helfen. Sie
zeigt uns Methoden, wie wir immer zum Ziel kommen, und zwar ohne zu verstehen, wieso.
Mit den scheinbar umständlichen Umformungsregelen der Mathematik wissen
wir, dass die Lösung
"richtig" werden muss. Wir können es sogar formal begründen,
aber wir könnten und brauchen es nicht inhaltlich zu begründen. Wir
brauchen nicht zu begründen, wieso wir die drei Euro von irgend etwas
abziehen (versuchen Sie das bitte einmal mit Worten zu erklären). Wir
wissen einfach, dass es stimmt. Das heißt formal begründen.
Formal heißt: Wir kennen Regeln, die wir anwenden dürfen,
ohne uns jedesmal zu überlegen, was diese Regel inhaltlich aussagt. Was
heißt es, wenn ich drei Euro auf beiden Seiten einer Gleichung abziehe?
Antwort: nichts; aber es ist richtig. Das ist Mathematik.
Wenn wir in der Grundschule gelernt hätten formal zu
arbeiten, dann würden wir ganz anders vorgehen. Wir würden die Aufgabe
zuerst in eine systematische Schreibweise übersetzen und schreiben:
+ 3 – 12 = 17
Ab jetzt spielen wir nur noch mit Glasperlen (die
hier Symbole heißen) und schieben sie ein wenig hin und her. Übrigens
nicht mit den umständlichen Begründungen von dem Beispiel oben, sondern
wir schieben sie einfach visuell. Wir wissen jetzt nicht mehr, dass Peter
die drei Euro fürs Autowaschen bekommen hat. Wir wissen nur noch, dass
wir das Kästchen allein stehen haben wollen. Eine einfache Regel zweimal
angewendet, schon steht die Lösung da (Regel: Du kannst eine Zahl auf die
andere Seite des Gleichheitszeichens schieben, wenn du das Vorzeichen
umdrehst):
= 17 – 3 + 12 = 26
Es macht keinen Sinn, hier erklären zu wollen
"wieso" man 3 abziehen und 12 addieren muss. Es ist einfach
richtig. (Man kann das an anderen Stellen hinterfragen, aber hier ist es
ein fertiges, visuelles Muster.) Es gibt hier nichts zu verstehen –
zumindest nichts Inhaltliches. Jeden Schritt verstehen zu wollen, heißt
nichtformal gedacht zu haben. Diese Teile der Mathematik verstehen zu
wollen, heißt sie nie verstehen zu können. Wie oft habe ich von meinen
StudentInnen schon gehört "Ich verstehe die Mathematik nicht".
Aber das stimmt nicht. Was sie nicht verstehen ist, dass es nichts zu
verstehen gibt. Sie denken an Inhalt, wo es um Formen geht.
Ich möchten Ihnen den Unterschied zwischen Form und
Inhalt aufmalen. Was sehen Sie unter diesem Absatz? Bitte beschreiben Sie
es einmal kurz für sich, bevor sie weiterlesen. Sie haben ja noch von der
Rechenaufgabe oben ein Blatt vor sich liegen (das haben Sie doch, oder?).
Schreiben Sie dort bitte drei kurze Stichpunkte auf, was Sie hier sehen:

Bitte schreiben Sie die Stichpunkte wirklich auf. Es
brauchen ja nur drei Wörter zu sein. Das dauert nicht lange, ich
verspreche es Ihnen.
Jetzt sage ich Ihnen, was hingemalt habe: Einige
senkrechte, waagerechte und diagonale Linien unterschiedlicher Länge und
einige gebogene Kurven. Bitte sehen Sie jetzt auf Ihr Blatt: Was haben Sie
dort aufgeschrieben? Ist es das, was ich gezeichnet habe? Oder ist es das,
was Sie daraus gemacht haben? Ich bin mir fast sicher: Sie haben meine
Striche als Stereotype für etwas anderes interpretiert. Dieses
Interpretieren ist der Inhalt; meine Linien sind die Form.
Bitte betrachten Sie das Bild noch einmal und bitte
betrachten Sie es diesmal rein formal. Bitte zeichnen (nicht schreiben)
Sie jetzt auf Ihr Blatt, was Sie sehen. Tun Sie es, bevor Sie weiter
herunterscrollen.
Ist auf Ihrem Blatt jetzt ungefähr
folgendes?

Wenn nein: Warum nicht? Höchstwahrscheinlich, weil
Sie sich nicht vollständig von den Inhalten gelöst haben. Wie auch
immer, sehen Sie die unglaubliche Bereicherung durch die formale Sicht?
Sehen Sie, dass Sie auf einmal eine völlig neue Sicht auf etwas scheinbar
Altbekanntes haben können? Dass Sie jetzt etwas qualitativ anderes sehen
als zuvor? Sehen Sie, dass Sie sich ohne jede Anstrengung von alten
Denkmustern lösen können? Das ist Mathematik.
Sie sehen hier auch, dass es in der formalen Sicht
ebenso Regeln gibt wie in der inhaltlichen, nur eben andere. Bei meiner
Umgruppierung der Linien habe ich die Länge und Richtung der Linien als
Unterscheidungsmerkmal angenommen, nicht aber ihre räumliche Lage. Auch
habe ich ein Kriterium verwendet, nach dem eine Linie eine eigenständige
Linie ist: Sehen Sie die Doppelbögen oben rechts? Ist jeder Doppelbogen
eine zusammengehörige Linie oder ist jeder Bogen eigenständig? Das sind
formale Regeln. Heben Sie diese Regeln teilweise auf, dann erhalten Sie
zum Beispiel folgendes Bild:

Woher kommen die formalen Regeln? Die für Viele
erstaunliche Antwort: Wir denken sie uns aus. Kriterien dabei sind oft Ästhetik
und Harmonie, manchmal Einfachheit. Nie ist es aber ein Kriterium aus der
Welt der Inhalte. Wir haben die Formalwissenschaft erfunden, um uns von
den Inhalten lösen zu können. Damit leben wir auf einmal in einer
anderen Welt.
Es gibt hier keine Häuser, Menschen und Vögel.
Sondern nur Linien; oder Punkte,
Linien, Flächen. Mit denen spielen wir nach eigenen Regeln, nach
Regeln, die es in der "echten" Welt unserer Erfahrung nicht
gibt, zumindest nicht geben muss. Viele nennen das Abstraktion, aber das
trifft es nur zum Teil. Denn Abstraktion klingt so, als sei diese Welt
frei von Anschauung oder Vorstellung. Dabei ist das Gegenteil der Fall:
Diese Welt ist voller Anschauung, aber einer ganz anderen als in der
inhaltlichen Welt. Bitte schieben Sie jetzt noch einmal die Linien auf dem
Bild oben ein wenig hin und her. Sehen Sie, dass Sie hier in der Tat sehen?
Die formale Vorgehensweise ist hochgradig visuell. Mit Worten beschreiben
zu wollen, was Sie hier tun, würde es fürchterlich langsam machen, fürchterlich
umständlich und der Sache jeden Spaß nehmen.
Jetzt kommen unser Rechenbuch und unsere Lehrerin.
Die beiden erklären uns, dass wir eine Aufgabe wie oben als
"Umkehraufgabe" lösen sollen. Das ist ein Wort – nichts
Visuelles. Eine Umkehraufgabe? Aha, wir sollen plus statt minus rechnen
und umgekehrt. Aber wo genau? Bei dieser Aufgabe:
A +
= B
Und bei folgender?
A -
= B
Was ist jetzt die Umkehraufgabe? Viel Spaß! Sie
lautet:
= A -
B
Das kommt heraus, wenn man eine visuelle Aufgabe
verbal lösen will. Es funktioniert nicht. Man müsste schon für die
einfachsten Aufgaben Unmengen von Lösungswegen lernen, die alle eigene
Namen haben. Dabei würden es etwa fünf einfache, visuelle
Verschieberegeln tun.
Diese Unfähigkeit, formal zu denken, hängt den
meisten Menschen ihr Leben lang nach. Dadurch bleiben sie auf dem
mathematischen Niveau eines Zehnjährigen stehen. Und das nur, weil wir es
in der Grundschule gut meinen und "veranschaulichen" und
"erklären".
Wir "erklären", indem wir formale Regeln
mit Inhalten aus der Erfahrungswelt beschreiben. Wir sagen: "Jetzt hör
mal zu, Peter hat doch drei Euro bekommen, deshalb müssen wir sie
abziehen, wenn wir wissen wollen, was er vorher hatte". Abziehen,
weil er etwas bekommen hat? Schon richtig, aber es dauert sehr lange, zu
verstehen wieso. Und das, obwohl man es gar nicht zu verstehen braucht. In
der formalen Welt ist dieser Schritt ein kleiner erlaubter Schritt, den
wir flink ausführen, ganz ohne jede Anstrengung. In der Welt der Inhalte
und der Erklärungen ist er eine Plage.
Deshalb ist es grundverkehrt, im Mathematikunterricht
zu "veranschaulichen", indem man Inhalte hinzunimmt. Denn die
Welt der Inhalte stört hier nur. Statt dessen sollte man die Regeln der
formalen Welt veranschaulichen. Wir sollten lehren, wie man mit den Formen
spielt, wie man Harmonie in Unordnung bringt, welche Ästhetik in Formen
steckt, welche Rolle die Einfachheit spielt, wie man gruppiert, umordnet,
verteilt und zusammenfasst. Und das rein formal, durch visuelles Spielen,
nicht durch in Worte fassen.
Das ist keineswegs schwierig. Jeder gesunde Mensch
kann eine Handvoll einfacher Verschieberegeln lernen und anwenden. Jeder,
der versteht, dass es um Spielen geht. Wer denkt, es ginge um Peters drei
Euro, die Entfernung zur Schule oder das Alter von Vater, hat verloren.
Erst ganz am Ende sollten wir rückübersetzen: Was
war das Kästchen doch gleich? Es war der Betrag, den Peter
"vorher" hatte. Antwortsatz: Peter hatte vorher 26 Euro.
Aber wieso hatte Peter vorher 26 Euro? Kannst du mir
das erklären? Nein, liebe Lehrerin und liebes Schulbuch, das kann ich nicht erklären. Es ist
richtig, weil ich formal alles richtig gemacht habe. Es ist richtig, weil
der Satz Hand und Fuß hat und das Ergebnis das gleiche ist wie wenn Sie
lange nachdenken. Bitte keine Verwirrungen. Anfang und Ende mögen
"echte Welt" mit Inhalten sein; dazwischen ist Mathematik als
reine Form. Nichts zu verstehen, nichts zu erklären.
Ich kenne die Diskussion, ob man Form und Inhalt
trennen kann. Ich möchte sie hier nicht aufwärmen, aber ich sage Ihnen
eines: Wer Form und Inhalt nicht trennt, kann nicht mathematisch denken.
Denn Mathematik ist eine Formalwissenschaft.
Häufige Einwände
GrundschullehrerInnen geben sich an dieser Stelle
keineswegs geschlagen. Schön und gut, dass Mathematik eine
Formalwissenschaft ist, aber dem Kindergehirn fehlt schlichtweg die Reife,
eine derartige Abstraktion zu begreifen. Man muss das schon kindgerecht
aufbereiten. Sagt doch jedes Pädagogikbuch und jedes Lehrbuch der
Entwicklungspsychologie.
Soso. Dann werfen wir mal einen Blick auf die ersten
Schreibübungen, die es teilweise bis heute gibt. Dort sehen wir eine
Abfolge von verschiedenen bedeutungslosen Zeichen, etwa so (früher hieß
so etwas Zierleiste):
////////
///\\\
///\\\///\\\///\\\///\\\
o-/\-o-/\-o-/\-o
Ist das nicht genau die visuell-formale Welt, von der
wir hier gesprochen haben? Und haben Kinder der ersten Grundschulklasse
irgendwelche Schwierigkeiten, ein solches Muster zu erkennen und seine
Regelmäßigkeit zu erlernen? Natürlich nicht. Schon viel kleinere Kinder
können völlig problemlos abwechselnd verschiedenfarbige Duplosteine
zusammenstecken oder aneinanderreihen. Weshalb sollte ein Kind der zweiten
Grundschulklasse nicht die einfache Regel lernen können, dass man eine
Zahl von einer Seite des Gleichheitszeichens auf die andere schieben kann,
wenn man dabei das Vorzeichen wechselt? Natürlich kann es das lernen, und
zwar völlig problemlos.
Das Problem ist nicht die formale Regel – die ist
durchaus kindgerecht. Das Problem ist die "kindgerechte"
Veranschaulichung. Was bedeutet es, dass wir die 3 abziehen? (Dass Peter
drei Euro weniger gehabt haben muss, um auf den Endwert von 17 zu kommen.
Kindgerecht?) Was bedeutet das Minus vor der Drei? Und – oje – was
bedeutet es, wenn davor keine weitere Zahl steht? (Du kannst dir doch drei
Euro vorstellen. Jetzt stell dir vor, du hättest sie dir geliehen und
musst sie wieder zurückgeben usw. Kindgerechter als: Schiebe die Zahl auf
die andere Seite und schreibe ein Minus davor?) Inhalt an der falschen
Stelle reißt die Kinder gnadenlos aus der Harmonie der Form.
Und jetzt kommt ein sehr cleverer Einwand:
Ich bin mal über Ihre Internetseite gegangen. Dort
sehe ich auf jeder Seite fast nur Wörter, kaum mal ein Bild und ganz
selten eine Formel. Wenn die formale Seite der Mathematik so harmonisch
und leichtverständlich ist, wieso verwenden Sie sie denn dann so wenig?
Und wieso erklären Sie so viel mit Worten?
Raffiniert argumentiert. Aber ich habe gute
Gegenargumente:
1.
Wenn ich hier mehr mit Formeln arbeiten würde, dann würden Sie
meine Seite gar nicht erst lesen. Viele Menschen in Deutschland haben eine
solche Abscheu vor Mathematik, dass der reine Anschein bereits genügt,
nicht ein einziges Wort zu lesen. Ich kenne das, wenn ich Vorträge halte
oder Seminare gebe: Eine Formel zur falschen Zeit, und es gibt ein
hysterisches Lachen wie bei einer unzensierten Bettszene im Kino.
Einfachste Argumente als Formel geschrieben, und der Raum wird tröpfchenweise
leer. Deshalb meide ich jeglichen Anschein von Mathematik (sorry: nicht in
meinen Vorlesungen, aber schlimm wird's auch da nicht).
2.
Und verwende sie trotzdem. Bitte sehen Sie sich einmal die typische
Argumentation an. Ich beschreibe einen Sachverhalt so, dass man ihn danach
direkt als Formel aufschreiben kann. Und genau das tue ich dann auch meist
direkt danach – schon tut die Formel gar nicht mehr weh. Dann gibt es
einige formale Umformungen, die ich aber zur Sicherheit gern in einer Fußnote
verstecke. Oder schlichtweg die Ergebnisse nenne, die ich oder andere auf
formalem Weg gefunden haben.
3.
Und anschließend interpretiere ich das Ergebnis. In diesem Schritt
tauchen wir gemeinsam wieder aus der formalen Welt auf und versuchen
inhaltlich zu verstehen, was wir (oder andere vor uns) da eigentlich getan
haben. Dieser Schritt ist extrem wichtig – ohne ihn wäre angewandte
Mathematik vollkommen wertlos. Leider ist das der Schritt, der von den
meisten Spieltheoretikern nicht vollzogen wird. Viele von ihnen bleiben
auf der rein formalen Ebene (was einen eigenen Charme hat), aber ich sehe
meine Aufgabe zum großen Teil darin, diese formalen Ergebnisse mit
inhaltlichem Leben zu füllen. Also der Form wieder Inhalt zu geben.
Ich plädiere nicht dafür, Inhalte auszublenden.
Sondern ich plädiere dafür, unseren Kindern (und den Erwachsenen) zusätzlich
beizubringen, wie man in der formalen Welt lebt. Und wie und an welchen
Stellen man die beiden Welten verbindet. Das ist übrigens der Inhalt
meiner gesamten Webseite. Ach ja, auch meines Spieltheorie-Buches. |