Version vom 27.06.2006
Erstversion vom 27.06.2006

Studiengebühren

In Hessen sollen ab Herbst 2007 Studiengebühren kommen: 500 Euro pro Semester für ein Erststudium. Für wen ist das eigentlich gut und für wen ist es schlecht?Mindestens die Studenten unter meinen Lesern werden dies für eine ziemlich dumme Frage halten. Schlecht ist das natürlich für die Studenten! Ich würde darüber lieber ein zweites Mal nachdenken (fürs zweite Mal nachdenken werde ich ja auch bezahlt, schließlich bin ich Professor). Bei diesem Nachdenken stelle ich mir vor, ich suchte einen Fotografen für meine Hochzeit. Einmal angenommen, Hochzeitsfotografen würden staatlich gestellt (Familienpolitik steht ja gerade ganz oben auf der Agenda der Politiker), was für einen Fotografen würden wir dann erwarten zu bekommen?

Ich würde einen von seiner eigenen Leistung unabhängig und zudem mittelmäßig bezahlten und daher lustlosen Handwerker erwarten, der – nun ja – eben staatlich bestellt ist. Dieser Fotograf würde ziemlich sicher recht gern fotografieren, aber irgendwie würde er Hochzeitsfotografie als eine eher lästige Angelegenheit empfinden, die seine künstlerische Arbeit empfindlich stört. Er würde immer die vorgeschriebene Zahl von Fotos abliefern, gewiss, aber er würde auch mal wichtige Momente verpassen und er würde sich wenig Gedanken machen, was die Hochzeitspaare gern hätten. – Erinnert das nicht ein ganz klein wenig an die deutschen Universitäten, die bisher Studenten als etwas sehr Lästiges im Wissenschaftsbetrieb empfunden haben? An Professoren, die immer die gleiche, mittlere Bezahlung bekommen, und daher immer die gleiche, mittelgute Veranstaltung anbieten? An unlogische Prüfungsordnungen, monatelange Bearbeitungsdauern und an festgefahrene Verwaltungsabläufe? An absurde staatliche Vorgaben an die Universitäten? Und an lustlose Studenten, die Mittelmaß bekommen und folglich Mittelmaß leisten?

Und dann gibt es da noch eine Kleinigkeit. Was ist eigentlich mit den Hochzeitspaaren, die gar keinen Hochzeitsfotografen wollen? Oder nur einen ganz billigen? Oder einen ganz teuren, damit sie eine herausragende Qualität bekommen? Bisher bezahlt jedes Hochzeitspaar den Fotografen, den es will. Bei staatlich gestelltem Fotografen würde jeder Bürger, der ein Einkommen hat, die Hochzeitsfotografen bezahlen, ganz gleich, ob er überhaupt heiraten will oder nicht. Irgendwie nicht so sinnvoll, oder?

Aber bei Bildung soll das alles nicht gelten. Zwar bezahlt auch hier jeder mit seinen Steuern die Universitäten, ganz gleich, ob er studieren will oder nicht. Wem die Qualität der deutschen Universitäten nicht genügt, der bezahlt sie dennoch und muss zusätzlich noch die ausländische Hochschule bezahlen, an der seinen Kinder wirklich studieren. Der Kraftfahrzeugmechaniker, der nie studiert hat und dessen Kinder es auch nicht tun, zahlt die Universitäten ebenfalls. Und was bekommen diejenigen, die die Universitäten in Anspruch nehmen, für das Geld, das die Anderen zahlen? Mittlere Qualität, weder völlig inakzeptabel noch Weltklasse. Wäre es nicht ziemlich sinnvoll und naheliegend, das etwas anders zu gestalten und nur diejenigen zahlen zu lassen, die die Universitäten auch in Anspruch nehmen? Und für die Qualität zahlen zu lassen, die sie – unter Einbeziehung des Preises – auch wirklich wollen? (Denn die beste Qualität wollen wir ja meist nur solange, wie wir die Kosten dafür nicht tragen müssen. Sobald wir auf Anderes dafür verzichten müssten, überlegen wir es uns ein zweites Mal, ob der neue Mercedes wirklich das beste Auto für uns ist, oder ob es nicht auch ein alter Opel tut.)

Studiengebühren als Wunderwaffe?

Das alles spricht sehr stark für Studiengebühren. Sind also Studiengebühren das Beste, was uns passieren konnte? Gemach. Es gibt da eine klitzekleine Gemeinheit der Politiker, die in letzter Zeit immer öfter angewandt wird, und auf die die Menschheit immer wieder hereinfällt. Denn die Steuern, die wir zahlen, sind ja unter bestimmten Rahmenbedingungen gesellschaftlich festgelegt und akzeptiert worden. Zum Beispiel ist bei uns der Deal gewesen, dass wir mehr Steuern zahlen als zum Beispiel in den USA und wir dafür die Bildung „gratis“ (also staatlich gestellt) bekommen. In den USA sind die Steuern niedriger, dafür bezahlt man derartige Dinge selbst. Das gilt übrigens auch für andere Bereiche. Auch die Autobahnen sind bei uns „gratis“, sprich staatlich, ebenso die Polizei und das Militär. Mal unabhängig davon, ob einem das gefällt, handelt es sich zunächst einmal um einen gesellschaftlich „ausgehandelten“ Ausgangspunkt.

Und jetzt kommt der perfide Trick der Politiker, den komischerweise nur die Wenigsten bemerken, obwohl er mehr als plump ist. Die Politiker nennen uns nämlich zutreffende Argumente, weshalb eine andere gesellschaftliche Organisation sinnvoller wäre und begründen damit, weshalb sie einige Leistungen nicht mehr staatlich erbringen wollen – ohne aber dafür im Gegenzug die Steuern zu senken. Mit anderen Worten: Die Studiengebühren sind nichts weiter als eine weitere Steuererhöhung. Und zwar zusätzlich zu der zeitgleich stattfindenden höchsten Steuererhöhung seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Und das Beste ist: Die Politiker können sich von den Wirtschaftswissenschaftlern die überzeugendsten Argumente borgen, wieso die Studiengebühren das einzig Richtige sind. Und schon können sie von ihren Bürgern noch ein wenig mehr kassieren. Denn den zweiten Teil der Argumentation der Wirtschaftswissenschaftler lassen sie einfach weg: dass diese neu ausgehandelte Gesellschaftsorganisation aufkommensneutral sein muss.

Dieser Trick ist im Moment ein echter Renner. Er hat schon bei der Mehrwertsteuererhöhung funktioniert, er wird gerade beim Ehegattensplitting angewandt und bei der Autobahnmaut für PKW wird er auch wieder funktionieren. Immer gibt es gute Argumente, wieso einige Aufgaben nicht wie bisher vom Staat erbracht werden sollten: Umwelt, Soziales, Gerechtigkeit, Steuerschlupflöcher, Qualitätsgesichtspunkte. Und am Ende werden die Leistungen nicht mehr erbracht, aber wir zahlen das gleiche wie zuvor.

Wie sollte es denn am besten sein?

Zurück zu den Studiengebühren. Wie wäre es denn nun richtig? Zunächst einmal: Studiengebühren sind das Beste was Studenten passieren kann – vorausgesetzt, sie können sie auch aufbringen. Im Unterschied zum Hochzeitsfotografen handelt es sich hier nämlich um Beträge, die sich in der Größenordnung des gesamten Vermögens eines Menschen befinden, ähnlich der Entscheidung über einen Hauskauf. Und im Unterschied zum Hochzeitsfotografen ist die Bildung ein wesentlicher Faktor im Leben, der über sozialen Status, Gesundheit, materiellen Wohlstand und Selbsterfüllung des Einzelnen ebenso entscheidet wie über die Möglichkeiten des Gemeinwesens. Denn eine Gesellschaft sieht anders aus, wenn ihre Mitglieder gut gebildet, reich und gesund sind als wenn sie Analphabeten, arm und krank sind. Daher ist eine Gesellschaft gut beraten, dafür zu sorgen, dass der Einzelne auch eine wirtschaftliche Chance hat, das Bildungsangebot in Anspruch zu nehmen. Irgendwie müssen die Studiengebühren also wieder bei denjenigen ankommen, die schon bisher dafür bezahlt haben und die jetzt doppelt belastet werden sollen.

Je nach Geschmack kann die Rückerstattung der erhobenen Studiengebühren sehr unterschiedlich erfolgen. Im einfachsten Fall gibt man zeitgleich mit den Studiengebühren einen „Bildungsfreibetrag“, den jeder steuernzahlende Mensch bekommt, und zwar in der Höhe, in der insgesamt die Studiengebühren eingenommen werden. Der Charme dieser Variante besteht darin, dass auch diejenigen davon profitieren, die überhaupt nie studieren wollten. Ein Gegenargument, das hier gern gebraucht wird, ist, dass durch diese Entlastung die Reichen mehr profitieren als die Armen. Nun ja: sie zahlen aber auch viel mehr, und zwar auch noch nach einer solchen Änderung. In der Spieltheorie kommt es darauf an, eine Situation nicht nur aus der eigenen Perspektive zu sehen, sondern auch aus der der Mitspieler. Sie fühlen sich jetzt vielleicht arm; aber wie sähe es aus, wenn Sie sich reich fühlten? Oder wenn Sie die Möglichkeit in Betracht ziehen, einmal reich zu werden? Und wie, wenn Sie mit größerer Wahrscheinlichkeit reich würden, wenn Alle – einschließlich der jetzt schon Reichen – weniger Steuern zahlten? Aber lassen wir das hier einmal beiseite, dazu sollte ich an anderer Stelle etwas ausführlicher Stellung nehmen.

Denn es gibt sowieso ein besseres Gegenargument. Selbst wenn der Studienfreibetrag aus Sicht des Staates aufkommensneutral ist, ist die Steuerungswirkung sehr eindeutig: Es gibt jetzt auf einmal in der Tat Menschen, die vorher hätten studieren können, es sich nun aber nicht mehr leisten können. Verrückterweise bleibt die Aussage von oben übrigens dennoch richtig: Für die Studenten sind die Studiengebühren ein Segen – leider werden nur noch Wenige Studenten. Es ist eben ein Unterschied, ob auf diejenigen sieht, die Studenten sind, oder auf diejenigen, die gern welche wären.

Jedenfalls wäre das gesellschaftlich sicherlich keine sehr kluge Entscheidung. Da Bildung eine Investition ist, ist dies ein klassischer Bereich für staatliche Umverteilung. Übrigens ebenso wie die anderen Bereiche, die oft staatlich abgedeckt werden, wie Straßenbau oder Sicherheit. Genau deshalb haben wir ja das derzeit bestehende System, in dem bei der Bildung sehr stark umverteilt wird, damit sie sich jeder leisten kann – auch wenn selbst dies aus anderen Gründen bei uns faktisch nur schlecht funktioniert. Aber aus Sicht der finanziellen Umverteilung war das System durchaus sinnvoll; leider mit den oben beschriebenen Schönheitsfehlern.

Also muss ein System her, das sowohl Allen den Zugang zu Hochschulen ermöglicht als auch Anreize setzt, dass Studentinnen engagiert studieren und dass Professoren engagiert lehren. Daher ist die Idee gar nicht so schlecht, ein Studiendarlehen zu vergeben, das man erst dann zurückzahlt, wenn man genug verdient. Aber dann nicht mit den Geburtsfehlern, die es im Moment hat: Also ohne große Bürokratie und ohne dass die Steuern so hoch bleiben, als würden davon die Universitäten schon bezahlt.

Konkret: Eine Steuerermäßigung für Alle (ja, auch für die „Reichen“) in exakt der Höhe, die durch die Studiengebühren eingespart wird, sofern der folgende Vorschlag zu einer Einsparung führt. Im Gegenzug Studiengebühren für Alle aber bei gleichzeitiger unbürokratischer Vergabe eines Studiendarlehens ohne jegliche Bonitätsprüfung und ohne Ansicht des Studienfachs, aber mit Erfolgskontrolle, damit auch wirklich studiert wird. Damit diejenigen mehr fürs Studium bezahlen, die mehr davon profitieren, sollte der  Studienkredit zinsfrei sein; wer es lieber mag, kann das dann auch „soziale Komponente“ nennen. Zurückgezahlt wird das Darlehen durch einen leicht erhöhten Steuersatz. Wer viel verdient, zahlt dann das Darlehen früher zurück als derjenige, der weniger verdient, wegen der Zinsfreiheit zahlt er dann auch mehr zurück (das ergibt sich aus der Finanzmathematik – falls Sie es hier nicht direkt nachvollziehen können, dann glauben Sie mir einfach einmal, dass es stimmt, denn das ist ein sehr elementares Ergebnis der sogenannten Barwertmethode). Und weil viele Menschen Angst vor dem Begriff „Kredit“ haben, könnte man ihn umbenennen in lebenseinkommenskompatible Studiensteuerprogression (lebkomStuSteuP) – damit keine falschen Assoziationen mit Konsumentenkrediten auftauchen, denn dieses Darlehen wäre von der Konstruktion her ja völlig anders und muss eventuell auch nie zurückgezahlt werden. (Es wäre etwa so wie ein Darlehen für das Saatgut eines Kleinbauern, das er nur dann zurückzahlen muss, wenn die Ernte gut genug war.)

Wenn das gegeben wäre, dann wäre das System gar nicht so übel. Denn dann würden Alle weniger Steuern zahlen (insbesondere auch diejenigen, die gar nicht studieren), jeder hätte Zugang zu Universitäten und wenn er von diesem Zugang im späteren Leben profitiert, dann zahlt er dafür, andernfalls war die Ausbildung gratis oder wenigstens sehr billig. Es würde Anreize schaffen, Energie in sein Studium zu setzen und gleichzeitig zu verlangen, dass die Professoren es auch tun. Und die würden es gern tun, weil sie damit ihre Hochschule auch wirklich voran bringen könnten. Indem sie es tun, gäbe es eine größere Vielfalt an Studienprogrammen: praxisorientierte, ausgefallene, einfache, ansrpchsvolle, teilzeitorientierte, spezialisierte, generalistische und was nicht sonst noch alles möglich wäre.

Eine schöne Welt. Nur für die jetzigen Politiker wäre sie ein bisschen unbequemer, denn sie hätten keine weitere Steuererhöhung. Aber das würden sie vielleicht sogar noch in Kauf nehmen, wenn die Studenten dieses Spiel verstehen. Deshalb, liebe Studenten: Demonstrieren Sie für eine Steuersenkung und unbürokratische, zinsfreie Studiendarlehen. Dann nützen Ihnen die Studiengebühren sogar.

Für Skeptiker

Eine Steuererhöhung wäre ja noch akzeptabel, aber hier geht es doch um soziale Gerechtigkeit

Ich weiß nicht, wie oft ich Kommentare dieser Art höre oder lese. Besonders die „Linken“ schreiben mir immer wieder diese Argumentation. Und wieso? Weil sie sich ausschließlich in der Rolle derjenigen sehen, die von den Steuerzahlungen der „Reichen“ profitieren. Das ist bei Studenten besonders stark gegeben. In dieser Rolle sieht man nur, dass es die Reichen gibt, die einem eigentlich nichts freiwillig geben wollen, und die Armen, die es so bitter nötig hätten, etwas zu bekommen, zum Beispiel eine „kostenlose“ Ausbildung. Wenn dafür die Reichen etwas mehr Steuern zahlen, dann ist doch nur mehr als gerecht!

Diese Ansicht übersieht aber eine Kleinigkeit. Denn die Rollen sind ja nicht über das ganze Leben hinweg festgeschrieben, sondern sie ändern sich im Lauf der Zeit. Wer jetzt studiert, der tut es doch, um später einmal gut zu verdienen. Wenn viele Menschen die Erfahrung machen, dass ein Studium der Schlüssel für späteren Wohlstand ist, dann werden auch viele studieren wollen. Dieses Studieren-Wollen ist eine wichtige Komponente, denn das Angebot von Studienplätzen reicht nicht, es muss auch der Wille da sein, sie in Anspruch zu nehmen. Wenn aber die Abgaben im späteren Leben so hoch sind, dass sich man auch mit Studium und anderen Mühen nicht zu Wohlstand kommen kann, dann studieren eben nur wenige und unterziehen sich nur wenige den Mühen. Und dann gibt es in der Zukunft auch nur wenige Reiche, die viel Steuern zahlen. Daher: Sehen Sie sich nicht nur in einer der Rollen, sondern betrachten Sie die Situation auch aus der Sicht der Anderen – und denken Sie daran, dass sie auch in diese andere Rolle kommen könnten. Und dass Sie nie zu den Reichen gehören werden, wenn Sie diese Rolle jetzt abschaffen wollen.

Mir fällt ihn diesem Zusammenhang immer ein Beispiel ein, dass mich als Jugendlicher fasziniert hat. Damals gab es noch die DDR, in der ja alles so schön sozial war. Der Führungskader dort hat zwar mit brutaler Machtausübung regiert und schreckte nicht davor zurück, Menschen ihrer Privatsphäre zu berauben und an der Grenze zu erschießen. Aber der Wohlstand, in dem der Führungskader lebte, war vergleichbar zu dem eines ganz normalen Managers in Westdeutschland, von denen es bei uns Hunderttausende gab, und zu denen man leicht gehören konnte, wenn man sich nur ein wenig anstrengte. In der DDR dagegen hatten dieses Bisschen Reichtum nur die ganz großen Tiere – man hatte den Reichtum eben abgeschafft.

Alles sehr interessant – aber was hat das mit Spieltheorie zu tun?

Ich sehe immer wieder, dass wegen der vielen Formeln in der Spieltheorie der inhaltliche Gehalt dieser Theorie verschwindet. Manchmal so weit, dass gar nicht mehr merkt, was Spieltheorie eigentlich ist. Worum ging in der Analyse von eben? Es gibt dort mehrere Gruppen, eben Spieler, die bestimmte eigene Interessen haben. Keine der Gruppen kann allein entscheiden, wie das gemeinsame Spiel ausgeht, sondern das Ergebnis hängt von Allen ab. Das ist Spieltheorie.

Und wer sind die Spieler? In einer Momentaufnahme betrachtet sind es die Politiker, die Studenten und die Nicht-Studenten. Einige von diesen sind reich, andere sind arm, einige zahlen Steuern, andere nicht. Auf etwas längere Sicht betrachtet kann aber auch der eine zum anderen werden: der Arme zum Reichen, der Nicht-Student zum Studenten und wieder zurück.

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