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Spieltheorie ist Individualismus als Methode:
sie geht als Grundprinzip konsequent vom Individuum aus.
Am Anfang jeder spieltheoretischen Analyse steht die Frage: Was
will ein Spieler und was kann er? Daher tut die Spieltheorie so, als wisse
jeder Spieler genau, wie gern er die verschiedenen Spielausgänge hat und
als sei er darin auch völlig unabhängig von allen anderen Menschen. Aber
wie sinnvoll ist es eigentlich, von solchen Insel-Menschen auszugehen?
Oder macht die Spieltheorie hier schon bei den Grundprämissen einen
Fehler, der alles weitere falsch werden lässt?
Sie sind durstig, sehen
einen Kiosk, der Cola verkauft, schauen auf den Preis und denken:
"Das ist doch Wucher! Nie und nimmer ist eine Cola so viel wert!
Lieber verdurste ich, als dass ich eine Cola für 5 Euro kaufe!"
Wieviel ist eine Cola wert? Allein die Frage
widerspricht den Grundvoraussetzungen der Spieltheorie. "Etwas wert
sein" unterstellt, dass es einen objektiven Maßstab für diesen Wert
gibt. Das entspricht aber nicht dem individualistischen Ansatz der
Spieltheorie, bei dem angenommen wird, jeder Spieler
könne ausschließlich für sich selbst entscheiden, wie gut oder wie
schlecht er die verschiedenen Spielausgänge findet, ohne dass diese
Einschätzung auf andere Spieler übertragbar wäre. Diesem Ansatz zufolge
sind auch die Zahlenwerte der Auszahlungen
(der Nutzenwerte) willkürlich und nicht zwischen verschiedenen Spielern
vergleichbar.
Hier gibt es keinen "Wert" – zumindest
keinen, der zwischen verschiedenen Personen identisch sein müsste. Jeder
einzelne Spieler kann sich fragen, wieviel ihm
ein Gegenstand oder das Lächeln seiner Sitznachbarin wert ist. Der
subjektive und nur für ihn gültige Wert wird dann ausgedrückt in dem
Vergleich mit einem anderen Gut. Also zum Beispiel: Auf wieviele Stücke
Kuchen bin ich bereit zu verzichten, um eine Cola zu trinken? Und weil
Kuchen vielleicht nicht immer ein sinnvoller Maßstab ist: Auf wieviele
Euros bin ich bereit zu verzichten, um eine Cola zu trinken? Und nur, um
die Brücke zur Spieltheorie zu schlagen: Auf diese Weise kann jeder
Spieler ausdrücken, wie gut er die einzelnen Spielausgänge im Vergleich
findet. Wenn er weiß, wieviele Stücke Kuchen ihm eine Cola
"wert" ist, dann kann er zwei Spielausgänge miteinander
vergleichen, bei denen er im einen Fall eine Cola und im anderen Fall ein
Stück Kuchen bekommt. Und natürlich kann er sich im Spiel nur dann vernünftig
entscheiden, wenn er weiß, wie gut oder schlecht er die verschiedenen
Spielausgänge findet. Dies ist der Grund, weshalb in der Spieltheorie die
Nutzentheorie so wichtig ist.
Damit das Ganze aufgeht, muss die Bewertung etwas
sein, was der Spieler ganz allein entscheiden kann und auch muss. Nur er
kann in sich hineinhören und sich fragen, wieviel ihm eine Cola wert ist.
Das mag im Zeitablauf schwanken: Nach einer Fahrradtour ist die Wertschätzung
vielleicht höher als nach einem Wasser-Wetttrinken. Aber die Wertschätzung
sollte ausschließlich von ihm abhängen, nicht von der Wertschätzung
Anderer. Wenn sich also Spieler Anton soeben gefragt hat, wie gern er eine
Cola mag und zum Schluss gekommen ist, dass ihm jetzt und hier die Cola
einen Nutzen spendet, der in Euro umgerechnet 3 Euro beträgt, dann sollte
damit die Analyse für ihn beendet sein.
Wenn nun Berta um die Ecke kommt und ihn auslacht,
weil sie findet, eine Cola sei nur, und zwar allerhöchstens, 1,50 Euro
wert, dann sollte ihn das kalt lassen. Denn die 1,50 sind eben ihre Wertschätzung und nicht seine, und damit basta. So zumindest
die Unterstellung in der Spieltheorie. Aber ist das eine sinnvolle
Vorgehensweise?
Was ist, wenn er Berta ziemlich gern mag und nicht im
ihrem Ansehen sinken möchte, nur weil er Cola lieber mag als
rechtsdrehenden Trinkjoghurt? Diese Situation mag zwar psychologisch ein
Drama sein, aus spieltheoretisch-methodischer Sicht ist sie aber
weitgehend unproblematisch. Denn er bewertet ja jetzt nicht mehr die Cola
allein, sondern eine Kombination aus Cola und Ansehen in Bertas Augen.
Diese verbundene Bewertung mag zwar zu einem anderen Wert kommen als die
Bewertung der Cola allein, aber immer noch kann Anton den Wert ganz allein
bestimmen, indem er nur in sich hineinhört. Natürlich ist das nur möglich,
wenn er alles weiß, was er zur Bewertung wissen muss, also zum Beispiel
im verbundenen Fall, wie gut sein Ansehen bei Berta ist, wenn er Cola
trinkt oder nicht. Aber es ändert nichts am methodischen Individualismus.
Denn in die ganz individuelle Bewertung eines Spielausgangs kann durchaus
mit einfließen, was Andere über diesen Spielausgang denken. Die
Bewertung dieser Bewertung ist aber wieder individuell.
Auch muss man zur Bewertung alle Produkteigenschaften
genau kennen. Angenommen, Anton hat bisher nur nach Geschmack geurteilt
und dabei die Gesundheit von Cola als neutral angenommen, dann könnte es
passieren, dass er nach einer ausführlicheren Darlegung von Berta (die
Ernährungswissenschaften studiert hat) zu einer erneuten und diesmal
anderen Bewertung gelangt als ohne die Aufklärung durch sie. Auch wenn
ihm zu Beginn noch die Informationen fehlten um zu entscheiden, wie gesund
oder ungesund
Cola ist, dann das heißt immer noch nicht, dass wir methodisch etwas
ändern müssten. Denn es ist natürlich, dass Anton eine Bewertung
vornehmen muss, ohne alle Details zu kennen. Solange er nichts Genaueres
weiß, muss er eben aufgrund seiner eigenen Einschätzung bewerten, nach
einem Informationszugang kann er diese Bewertung durchaus ändern.
Dies zeigt, wieso Lotterien
in der Spieltheorie eine so große Rolle spielen: Oftmals fehlt den
Spielern eine bestimmte Information, aber sie wissen, was prinzipiell
passieren könnte. Anton könnte zum Beispiel eine bestimmte
Wahrscheinlichkeitsverteilung über die Gesundheit von Cola haben und auf
dieser Basis bewerten. Das wäre dann im Resultat genauso wie wenn er eine
Lotterie zu bewerten hätte, also eine Cola, bei der erst nach dem Trinken
ausgelost wird, ob sie gesund oder ungesund ist. Wenn er das Ergebnis des
Losens nicht sehen kann, dann ist es gleichgültig, ob vor oder nach dem
Trinken ausgelost wird – er muss aufgrund der Wahrscheinlichkeiten
entscheiden, nicht aufgrund des tatsächlichen Ergebnisses.
Es mag schwieriger sein, ein risikobehaftetes
Ereignis (also eine Lotterie) zu bewerten als etwas, das mit Sicherheit
eintritt. Vom Grundsatz hat sich aber nichts geändert – Anton bewertet
ausschließlich, indem er in sich selbst hineinhört. Niemand anders kann
ihm dies abnehmen, und niemand darf es ihm abnehmen. Dies ist der
methodische Individualismus, der der Spieltheorie zugrunde liegt.
Ich weiß: Den Soziologen
unter Ihnen wird gerade übel. Sie sagen zurecht, dass die persönlichen
Einstellungen und Bewertungen eines Menschen doch nicht einfach aus dem
luftleeren Raum entstehen, sondern dass man durch seine Umwelt geprägt
und beeinflusst wird. Es ist ja schön, dass wir die Beeinflussung durch
Berta so schön umwandeln konnten, dass doch wieder immer Anton völlig
individualistisch entscheiden konnte. Aber das ändert doch nichts daran,
dass Antons Einstellungen durch seine Umwelt geprägt sind, und er
gesundheitliche Risiken zum Beispiel nur deshalb auf eine ganz bestimmte
Weise berücksichtigt, weil dies Folge seiner Sozialisation ist. Wie kann
man es da zu der Voraussetzung einer ganzen Theorie machen, dass jeder
Mensch komplett unabhängig sei und in keinster Weise durch seine
Mitmenschen beeinflusst wird? Ist das nicht eine geradezu absurde
Grundvoraussetzung?
Ist es nicht. Denn es kommt darauf an, welchen
Zeitpunkt man betrachtet. Gewiss gibt es im Leben eine Sozialisation, in
der ein Mensch "lernt", was er gut und was er schlecht findet.
Vermutlich ist diese Phase nie abgeschlossen und vermutlich ändern wir ständig
unseren Geschmack und unsere Einstellungen; zumindest ist es möglich,
dass wir es tun. Und gewiss hängen diese Änderungen unseres Geschmacks
oft von der Beeinflussung durch andere Menschen ab. Diese Beeinflussung
kann durch das einfache Zusammenleben mit Anderen entstehen, ohne dass
irgendwer die Absicht gehabt hätte, uns zu beeinflussen; und ebenso kann
sie durch gezielte Beeinflussung entstehen, zum Beispiel durch Werbung
oder durch "Aufklärungskampagnen".
Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, dass
zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Mensch eine ganz bestimmte Bewertung
vornehmen kann und durchaus weiß, ob er jetzt lieber eine Cola oder
lieber ein Wasser trinkt oder ob es ihm einfach egal ist. Wenn wir sein
Verhalten in diesem einen Moment untersuchen wollen, dann kommt es überhaupt
nicht mehr darauf an, ob er lieber Cola trinkt, weil die Werbung so gut
war, weil alle seine Freunde es auch tun oder weil ihm Wasser einfach zu
lappig schmeckt. Wichtig ist für diese eine Analyse nur noch, wie gern er
Cola trinkt – die Herkunft dieser Einstellung ist hier nicht wichtig.
Sie mag es natürlich für eine andere Analyse sein.
Wenn wir untersuchen wollen, welche Werbestrategie man verwenden sollte,
damit ein Mensch gern Cola trinkt, oder wenn wir untersuchen wollen, wie
man am besten Menschen vom Colatrinken abhält, dann solle man in der Tat
die Nutzenwerte der zu beeinflussenden Menschen nicht als konstant
voraussetzen. Wohl aber sind dann andere Einstellungen als konstant
anzusehen, zum Beispiel die Einstellungen derjenigen, die die anderen vom
Colatrinken abhalten wollen. Wieso betrachtet es jemand als einen
positiven Spielausgang, wenn jemand anders keine Cola trinkt? Sicherlich,
weil er diese Einstellung auf irgend einem Weg erworben hat, und möglicherweise
waren an diesem Weg auch andere Personen als nur er allein beteiligt. Das
alles ändert nichts daran, dass er jetzt eben genau diese Einschätzung
hat.
Mit anderen Worten: Der methodische Individualismus
der Spieltheorie ist keineswegs dazu verdammt, soziale
Effekte zu vernachlässigen. Im Gegenteil: Diese Methode kann nicht
nur die Folgen sozialer Effekte untersuchen, sondern sie kann ebensogut
verwendet werden, um zu erklären, wie es zu bestimmten Einstellungen und
sozialen Normen kommt. Aber eben alles zu seiner Zeit. Manchmal schwebt
man gar nicht in solch hohen Regionen, sondern will einfach nur
untersuchen, wie sich ein Spieler verhält (oder vernünftigerweise
verhalten sollte), wenn er
lieber Cola mag als Wasser, und zwar jetzt und hier.
Sie wissen ja schon: Mehr zur Methode der Spieltheorie finden Sie in
meinem Spieltheorie-Buch.
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