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"Das ist doch keine Sozialwissenschaft!" ist ein Ausruf,
den ich mehr als einmal zu hören bekomme, wenn
Sozialwissenschaftler/innen das erste Mal mit Spieltheorie in Berührung kommen.
Sogar Wirtschaftswissenschaftler/innen betrachten die Spieltheorie oft als eine
reine Randerscheinung getarnter Mathematiker. Grund genug, der Frage
einmal nachzugehen: Ist Spieltheorie eigentlich überhaupt
Sozialwissenschaft?
Sozialwissenschaften
sind dadurch gekennzeichnet, dass es um "menschliches Zusammenleben"
geht. Daher sollten wir einige
Sekunden auf die Frage verwenden: Was passiert eigentlich,
wenn Menschen zusammenleben? Der Unterschied zum
Robinson-Crusoe-Leben besteht doch offenbar darin, dass man im Austausch
mit anderen Menschen steht, dass man also nicht nur auf sich selbst zu
blicken hat, sondern auch auf Andere. Und dass die Anderen auch auf die
Anderen zu blicken haben, also auch auf einen selbst. Mindestens deshalb,
weil deren Verhalten einen Einfluss darauf hat, was passiert, wenn man
selbst etwas tut.
Oder etwas weniger abstrakt: Wenn Robinson Crusoe eine Kokosnuss knacken
will, dann kommt es dabei ausschließlich auf seine eigenen Wünsche an. Schmecken ihm
Kokosnüsse? Wie groß ist der Aufwand, sie zu ernten und zu knacken?
Einen Strich durch die Rechnung machen kann ihm eigentlich nur die Natur,
in der er lebt: Vielleicht ist die Nuss morgen nicht mehr genießbar? Oder
von einer Flutwelle weggespült? Es ist offensichtlich, dass hier ein ganz
wesentlicher Aspekt noch fehlt: der des Zusammenlebens mit anderen
Menschen, also der gesellschaftliche Aspekt.
Das Gesellschaftliche (und damit das eigentlich "Soziale")
kommt erst hinzu, wenn andere Menschen auftauchen. Leider wird es dann
auch schon schnell kompliziert. Denn jetzt kann nicht nur der Eine auf den
Anderen reagieren, sondern der Andere auch auf den Einen. Das ist ein
wesentlicher Unterschied zur Natur: Die "handelt" zwar auch,
aber sie verfolgt keine eigenen Interessen und sie handelt nicht, weil sie
befürchtet, der Mensch könne ihr zuvorkommen. [1]
Weil die gesellschaftlichen Fälle so kompliziert sind, denken viele
Wissenschaftler gern über möglichst einfache Situationen nach - daher
fangen wir ja so gern bei Robinson Crusoe an, fügen dann einen Freitag
hinzu und verallgemeinern anschließend flink auf "unendlich"
viele Personen. Das ist sozialwissenschaftliche Forschung; nicht die einzige Form, aber eine
Form.
Nun gibt es Menschen, denen es zu lang ist, dauernd Robinson Crusoe zu
schreiben, und die ihn daher abkürzen als "Entscheider C" oder
kurz C. Es gibt Menschen, die sagen, dass die Frage ob er Kokosnüsse mag,
doch letztlich die Frage ist, wie gern er denn Kokosnüsse hat, und
ordnen einen Zahlenwert zu: wenn er größer null ist, dann mag er die
Nüsse, wenn er kleiner null ist, dann nicht, und je größer die Zahl
ist, desto stärker das Mögen oder Nichtmögen. Vielleicht schreiben sie
diese Zahlen auch lieber in einer Tabelle auf, statt in einem Text. Einige
nennen das jetzt Mathematik. Ist es das?
Natürlich ist das Mathematik. Aber sie beginnt nicht erst an der
Stelle, an der wir Wörter durch Symbole ersetzen und Ausprägungen auf
Skalen abbilden, sondern sie beginnt dort, wo wir systematisch denken. Und
weil Menschen im systematischen Denken nicht sehr gut sind, beschränken
wir uns oftmals zunächst auf einfache Fälle. Einige nennen das
Metaphern, Andere nennen es mathematische Modelle - das Prinzip ist das gleiche. Aber
nur weil es Mathematik ist, ist es noch lange nicht keine
Sozialwissenschaft. Oder einfacher gesagt: Eine Theorie kann
gleichzeitig Mathematik sein und Sozialwissenschaft. Denn Mathematik
(zumindest die angewandte) ist eine Methode, Sozialwissenschaft ist ein
Inhalt. Und daher gibt es natürlich mathematische Sozialwissenschaft,
ebenso wie es nicht-mathematische Sozialwissenschaft gibt - exakt davon
handelt der Methodenstreit der Sozialwissenschaften, in den wir aber -
zumindest hier - nicht weiter einsteigen sollten. Aber nur soviel:
Auch im Methodenstreit bezweifelt keine der Parteien die Zuordnung der
jeweils anderen Methode zu den Sozialwissenschaften; der Streit geht
lediglich um die Frage der Zweckmäßigkeit der unterschiedlichen
Methoden.
Aber an dieser Stelle wird ein Punkt offenbar, der viele
Sozialwissenschaftler tief in ihrem Herzen an der Spieltheorie stört: Es
ist oft gar nicht die Methode als solche, sondern die Grundannahme, dass
das Individuum zuerst existiert, und sich die Gemeinschaft erst aus den
verschiedenen Individuen bildet. Die Spieltheorie beschäftigt sich also
durchaus mit der Gemeinschaft, aber sie setzt sie nicht einfach voraus,
sondern erklärt sie aus den Entscheidungen einzelner Individuen. Die
Spieltheorie ist ein methodischer
Individualismus. Und das ist etwas, was
inhaltlich vielen Sozialwissenschaftlern missfällt. Aber ein Missfallen
ist natürlich keinerlei Grund, es per Definition aus den
Sozialwissenschaften auszuschließen.
Während wir, Sozialwissenschaftler die wir also sind, an Geschichten
wie Robinson Crusoe herumtüfteln, stoßen wir zufällig auf eine
mathematische Theorie, die vor mehreren Hundert Jahren begonnen wurde und
eigentlich gar nichts mit unserem Problem zu tun hatte: der Theorie der
Glückspiele (in deren Zusammenhang gern die Namen von Philosophen und
Mathematikern fallen wie Blaise Pascal oder mehrere Mitglieder der
Familie Bernoulli). Nach einiger Zeit erkennen wir, dass uns diese Theorie
durchaus hilft, freuen uns darüber und wenden sie auf die Probleme
unseres erfundenen Robinson an.
Besonders die Wirtschaftswissenschaftler waren mit dieser Verbindung
sehr glücklich und und führten sie nun unter dem Namen
"Entscheidungstheorie" fort. Fortführen heißt: Sie nehmen die
Methoden aus der Theorie der Glückspiele und wenden sie auf
wirtschaftliche Situationen an. Der eigene Beitrag der
Wirtschaftswissenschaftler sind nicht die Formeln
der Mathematik, die ja schon einige Jahrhunderte alt waren, sondern die Interpretation und die Anwendung auf
sozial- (oder sagen wir lieber: wirtschaftswissenschaftliche) Fragestellungen. Und dazu gehört auch, zunächst
einmal zu verstehen, was diese mathematische Theorie eigentlich inhaltlich
aussagt und
sie für die eigenen Belange zu interpretieren - und das klingt ja schon
sehr nach qualitativen Methoden der Sozialforschung. Zum Beispiel
entstanden hier Konzepte wie die "subjektive
Wahrscheinlichkeit", die sicherlich nicht exakt das ist, was sich
Mathematiker unter Wahrscheinlichkeit ursprünglich einmal vorgestellt
hatten.
Nun haben Wirtschaftswissenschaftler die Tendenz, oft ein wenig zu kurz
zu zielen, und daher murrten besonders die PolitologInnen und SoziologInnen
über diese Entscheidungstheorie, denn eine Kleinigkeit fehlte ihr: die
soziale Komponente. Es gab in der ganzen Theorie immer nur einen
Entscheider im ansonsten gesellschaftsfreien Raum. Alle anderen Menschen
versteckten sich in dem abstrakten Konzept der Umwelt, das seinerseits nur
eine Interpretation des mathematischen Wahrscheinlichkeitsbegriffs
war.
Da kam es gerade zurecht, dass ein Mathematiker zu Beginn des vorigen
Jahrhunderts an einer Theorie der Gesellschaftsspiele tüftelte, die - wie
der Name ja schon sagt - eben das Gesellschaftliche mit behandelt. Nicht
dass die Theorie sofort richtig für die Sozialwissenschaften verwendbar
gewesen wäre, aber es gab auch gleich einen sozialwissenschaftlichen
Denker, der das Potenzial der Theorie erkannte, sodass das erste Buch zu
diesem Thema zwar noch den Namen Gesellschaftsspiele im Titel trug, aber
inhaltlich bereits sozialwissenschaftliche Fragen behandelte. Und weil das
Wort "Gesellschaftsspiele" irgendwie zu lang ist, hieß es schon
damals einfach nur "Spieltheorie". Die beiden
Autoren sind von Neumann und Morgenstern, das Buch ist Theory of Games
and Economic Behavior (die deutsche Ausgabe Spieltheorie und
wirtschaftliches Verhalten ist leider vergriffen).
Entstanden ist eine Theorie, die vom Individuum ausgeht (dem
"Spieler") und dann die Wechselwirkungen zwischen diesen
einzelnen Individuen untersucht. Ist das Sozialwissenschaft? Nun, wieviel
sozialwissenschaftlicher könnte es denn noch werden? Natürlich ist das
Sozialwissenschaft. An dieser Tatsche ändert sich auch nichts dadurch,
dass die Methode mathematischer wirkt als man es aus vielen anderen
Bereichen der Sozialwissenschaften kennt.
Was natürlich nicht heißt, dass es die einzige Form der
Sozialwissenschaft ist - aber eine ausgesprochen interessante. Und ich
erlaube mir zu sagen, dass Sozialwissenschaftler, die sich aus Angst oder
Vorurteilen gegenüber der Mathematik nicht auf diese Form einlassen,
einiges verpassen.
Und falls Sie jetzt gleich loslegen und in die Spieltheorie einsteigen
wollen, dann brauchen Sie mein Buch Spieltheorie
- eine Einführung.
___________________________ [1] Wenn Sie jetzt sagen: "Hoppla! Die
Natur kann sehr wohl zurückschlagen, wenn die Menschen sie zu sehr
ausbeuten!", dann nennen Sie damit einen Aspekt, der seit den 1980ern
auch in der spieltheoretischen Forschung immer deutlicher geworden ist:
dass nämlich in ökologischen Systemen vielfach sehr ähnliche Gesetze
gelten wie in sozialen Systemen. Aber das ist eine andere Geschichte. Tun
wir hier einmal so, als hätte unser Robinson keinen Einfluss auf das
Verhalten der Natur - und sei es nur deshalb, weil sein Einfluss einfach
zu gering ist.
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