Version vom 19.10.2007
Erstversion vom 15.10.07

Coopetition

Mechansimus-Design-Theorie und Coopetition

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2007 wurde an drei „Spieltheoretiker“ (sie werden sich nicht von Anfang an als solche empfunden haben) verliehen: Leonid Hurwicz, Eric Maskin und Roger Myerson. Coopetition ist eine praktische Anwendung dieser Theorie auf das Geschäftsleben. Denn in der Coopetition geht es darum, das Geschäftsspiel so zu gestalten, dass man zu mehr Kooperation kommt, obwohl man konkurriert. Mehr dazu im unteren Teil dieses Beitrags, aber zunächst zur Idee und Herkunft der Coopetition.

Nullsummenspiele und Coopetition

Wir neigen dazu, in Gewinnern und Verlierern zu denken und damit Verlierer auf breiter Front zu schaffen. Ich kann das immer wieder aufs neue sehen, wenn ich meine Studenten Planspiele spielen lasse:

Gruppen von Studenten bekommen die Aufgabe, konkurrierende Unternehmen zu führen und mit ihrem Unternehmen möglichst viel Gewinn zu machen. Was dann passiert, ist fast immer das gleiche: Die Gruppen metzeln sich gegenseitig nieder und vernichten einen Großteil aller möglichen Gewinne. Wenn ich die Rahmenbedingungen an moderne Branchen anlehne, dann gibt es oft sogar noch gigantischere Verluste bei allen. Dennoch fühlt sich am Ende eines der Unternehmen als Gewinner, weil es die anderen „besiegt“ hat. Den Preis dieses Pyrrhussiegs sehen die Studenten meistens nicht. Ohne mit der Wimper zu zucken vernichten sie ihre eigenen Gewinne, um die anderen zu schlagen.

Dieses Besser-sein-wollen-als-die-anderen scheint tief in unserer Kultur verankert zu sein. Wir kennen es vom Sport, von den Gesellschaftsspielen von Gerichtsverhandlungen: Einer gewinnt, der andere verliert. In der Spieltheorie heißt diese Situation Nullsummenspiel. Nullsummenspiele sind Krieg; sie lassen keinen Platz für Zusammenarbeit. Das Schlimme ist: Unser Bildungssystem scheint uns gedanklich zu der Ansicht zu verleiten, dass die echte Welt nur aus Nullsummenspielen besteht. Dadurch übersehen wir, dass es in den meisten Fällen durchaus andere Möglichkeiten gibt als Gewinner/Verlierer. Vorausgesetzt, die Beteiligten verstehen die zugrundeliegenden Zusammenhänge.

In der Spieltheorie jedenfalls versteht man diese Zusammenhänge seit einigen Jahrzehnten. Während sich die Spieltheoretiker in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts auch noch hauptsächlich um Nullsummenspiele gekümmert haben, hat sich das Interesse seit John Nashs Gleichgewichtskonzept bis heute fast ausschließlich auf die „Nicht-Nullsummensituationen“ verlagert. Das ist kein Wunder, denn sie beschreiben viel eher, was wir im realen (Geschäfts-) Leben vorfinden: Die Möglichkeit zu kooperieren, selbst wenn wir konkurrieren.

Trotz der ausgiebigen spieltheoretischen Forschung dazu gab es seltsamerweise lange Jahre keinen eingängigen Begriff für diese allgegenwärtige Situation des Geschäftslebens. Zwar waren die Professoren glücklich mit der technischen Bezeichnung Nicht-Nullsummenspiel, aber leider verhinderte dieses Wort geradezu, dass Außenstehende die unglaubliche Bedeutung dieser Spiele erkannten. Das beginnt sich erst langsam zu ändern, seit ein Praktiker das Wort prägte, das sich wohl bisher am weitesten durchgesetzt hat: Coopetition. Es ist eine Wortschöpfung aus cooperation (Kooperation) und competition (Konkurrenz), die Ray Noorda zugeschrieben wird, dem Gründer des Netzwerksoftwareherstellers Novell. Er verwendete den Begriff in einem Interview mit der Zeitschrift Electronic Business Buyer.

Seitdem ist Coopetition ein Oberbegriff geworden, unter dem die vielen Erkenntnisse der Spieltheorie zusammengefasst werden, die zeigen, wie man kooperativ konkurriert.

Zwei Professoren von amerikanischen Business-Schools haben eine Fülle von Fallstudien zusammengetragen und daraus ein System entwickelt, mit dem man Möglichkeiten findet, um auf eine bessere Weise zu konkurrieren. Sie organisieren ihre gesamte Theorie der Coopetition anhand von fünf Hebeln, an denen man ansetzen kann, um eine bessere Geschäftsstrategie zu finden. Auf diese Weise hat man eine systematische Methode, um die eigene Situation zu verstehen und anschließend zu verbessern.

Vieles davon behandele ich mit meinen Studenten bei den Planspielen – mit teilweise wirklich verblüffenden Erfolgen. Auf einmal finden die Gruppen Verhaltensweisen, mit denen sie Gewinne schaffen, aber ohne sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Wenn sie Abmachungen treffen, dann solche, die sie auch wirklich einhalten werden. Es ist nicht der unrealistische Schmusekurs der Teambildungsseminare, aber auch nicht mehr der reine Krieg um des Sieges willen, koste er, was er wolle. Auf einmal finden die Studenten die Balance zwischen Kooperation und Konkurrenz.

Wenn Sie wissen wollen, wie Sie die Spieltheorie im Geschäftsleben anwenden können, dann sollten Sie das Buch Coopetition lesen. Das geht, ganz ohne sich mit irgendwelcher Mathematik herumschlagen zu  müssen. Es ist in fünfzehn Sprachen übersetzt worden und damit eines der weltweit meistgelesenen Spieltheoriebücher. Und da ich derjenige war, der die deutsche Fassung bearbeitet hat, haben wir im Deutschen ein ganz besonderes Lesevergnügen:-)

Das Buch gibt es hier: Coopetition.

Coopetition und Mechanismus-Design

Hinter dem klobigen Wort Mechanismus-Design verbirgt sich eine höchst praktische  Fragestellung: Wie ändert man ein Spiel, damit es zu einem wünschenswerten Ergebnis führt?

Die beiden Autoren von Coopetition machen aus dieser Frage einen Denkrahmen, innerhalb dessen man das Spiel des Geschäftslebens beeinflussen kann: Welche Spieler sollte man in ein Spiel einbeziehen? Woran erkennt man den Mehrwert des einzelnen Spielers? Welche Regeln haben welche Auswirkungen? Mit welchen Taktiken sollte man die Regeln ergänzen? Wie sollte man das Spiel erweitern oder von anderen Spielen abgrenzen?

Wenn man diesen Denkrahmen kennt, bekommt die Gestaltung des Geschäftslebens auf einmal eine neue Bedeutung. Man merkt, dass man manchmal ein wenig um die Ecke denken muss, um naive Fehler zu vermeiden und sich nicht versehentlich zu zerfleischen. Und da sage noch einer, Spieltheorie sei nicht praktisch anwendbar.

Das Buch gibt es hier: Coopetition für 25 Euro.

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